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Charlene Chu mag ja die skeptic-in-chief about risks lurking inside China's lending system" sein. Was sie aber zur Diskussion stellt, läßt einen frieren:

Derzeit machten schlechte Kredite in China umgerechnet 7,6 Billionen USD aus. Das entspricht einer Nicht-Performing-Rate der Kredite von  etwa 34% und ist markant höher als die offiziell verkündeten 5,3%.

Der Einwand, Verluste durch schlechte Kredite seien in hohem Maße abhängig von von den wirtschafltichen Verhältnissen insgesamt, und realisierten sich nicht, solange es allen gut gehe, verschlimmert die Sache noch. Denn die Oligarchen in Peking verordnen ggf. den Banken, schlechte Kredite aus den Büchern in Zombie-Gesellschaften zu verlagern. Was in einer freien Wirtschaft rasch zu einer Korrektur führte, wird so perpetuiert. Der Trend gehe dahin, daß die Probleme so groß werden könnten, wie man es nicht für möglich hielte, meint Chu.


Bezug: Gabriel WildauFT v. 18. August, p.2

Nordkorea hat eine Rakete in die Gewässer vor Japan geschossen. Es war ein balistisches Interkontinentalgeschoß, das auch Alaska erreicht hätte. Am 4. Juli.

Ich habe nur eine Erklärung für solch eine Provakation: Kim Jong-un sitzt bei weitem nicht so fest im Sattel wie man annimmt.

Vielleicht will er Druck auf China ausüben, ihm mehr beizustehen, also Geld zu geben, also Kohle abzukaufen und anderes, womit Nordkorea gesegnet ist. China ist auf ihn angewiesen.

Denn China wird es nie und nimmer hinnehmen wollen, daß Nord- und Südkorea sich à la Deutschland wieder vereinen.

Das nutzt aber nichts. Es wird kommen. Es wird also eine ungemein streitbare Demokratie - die Südkoreaner gehen immer wieder auch wegen Kleinigkeiten zu Massen auf die Straße - vor der Haustür Chinas liegen. 

So wie schon Hongkong. Von wegen ein Land - zwei Systeme". Es wird auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China bald mehr Länder geben mit einem System, nämlich demokratischen. Die 4000-jährige Geschichte Chinas sich abwechselnder Dynastien wird ein Ende finden, die Alphatiere werden ihre Macht abgeben und aufhören müssen, ihre Landsleute nach Gutdünken zu drangsalieren, ins Gefängnis zu stecken oder zu köpfen.

Die Chinesen können Demokratie, siehe Hongkong, siehe Taiwan. Es ist Unsinn zu meinen, ein Riesenland könne nicht freiheitlich, rechtsstaatlich regiert und verwaltet werden bis ins letzte Dorf.

Und die Chinesen wollen Demokratie. Die sich Anfang November versammelnden und sich gegenseitig ins Amt setzenden Despoten der KPCh machen sich etwas vor, wenn sie meinen, die Partei könne mit riesigen Geldmengen und Assets hantieren wie Kinder, und etwa Börse" spielen und Wohlstand für alle". Ohne ernsthafte Strukuren geht das unweigerlich schief, und die gibt es nicht, solange es keinen freien Informations-, Geld- und  Warenaustausch gibt, und Checks and Balances.

Die Spratly-Inseln wie eine Spielzeug-Piratenburg mit Kanonen, Bombern und, was es sonst so gibt, aufzurüsten, und dann zu meinen, der Welt würde das imponieren, ist ebenso eine Illusion. Der Zweck ist wahrscheinlich einer: Die Funktionäre wollen bei ihren aufmüpfigen Untertanen den Nationalismus zum Schwingen bringen und ihnen zeigen, daß sie wer sind. Indem sie die ganze Gegend - Philippinen, Vietnam, Taiwan, Japan - verrückt machen, versuchen sie, die Lufhoheit über die Aufmacher der Zeitungen und Webseiten zu bekommen. 

Eitle Übungen: In dem Moment, wo es in China wirtschaftlich kracht, wo die einfachen Bürger ihren auf Kosten ihrer Familienstrukturen und unter anderen großen Opfern erkämpten Wohlstand angegriffen sehen - und das könnte bald sein -, ist nichts mehr zu machen: Die Regierenden werden zum Teufel gejagt werden. Das zeigt die ewige Geschichte dieses großartigen Kulturraums, mit dessen Völkern wir Europäer zu aller Nutzen Weltgeschichte schreiben werden.


Literatur: zu „die Südkoreaner gehen ..." Bryan Harris South Koreans' love of protests has dark roots, FT July 5, 2017, p8

Inge Thulin sagte (nach Gillian Tett, FT vom 2. Juni 2017, Seite 9):

„Things like Nafta are working well, but it can be improved. . . . what we want is fair trade."

Tett weist auf die lokalisierende - im Gegensatz zu globalisierende - Tendenz darin hin.

In Deutschland wird fair trade als Vertriebsmittel eingesetzt. Kunden wird suggeriert, sie förderten den Wohlstand armer Produzenten in fernen Ländern. Der Einsatz hier dagegen soll dazu führen, daß die Gewinne im - bereits wohlhabenden - Land bleiben.

Der Begriff fair wird von beiden Seiten mißbraucht.

Wenn Handel etwas anderes ist als: Geld gegen Ware, dann ist es kein Handel mehr, sondern irgend etwas anderes.


Ein in mehrfacher Hinsicht sehenswertes Video:


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Willem Buiter verabschiedet sich von seinem Blog Maverecon mit lesenswerten Sätzen zu dem, was ein Blog sein kann und was nicht - im Kontext zur Stellung seines Verfassers.
Ich hatte gedacht, meine Bemerkungen zu Corporate Compliance seien reichlich offensiv formuliert. Bis heute. Die Neue Zürcher Zeitung stellt das weit in den Schatten (Nr. 276, p. 10 Reflexe):

"Die Wirtschaftsprüfer haben sich in dieser Krise im Unterschied etwa zu den Rating-Agenturen sehr gut aus der Schusslinie halten können. Warum eigentlich?

Provokativ könnte man argumentieren, dass die Prüfer das Geschäftsmodell des Wegbedingens von Verantwortlichkeiten erfolgreich betrieben haben."
Die Bank von England war ihrer Aufgabe als Lender of last resort nachgekommen und hatte vom 1. Oktober 2008 bis zum 16. Januar 2009 Liquiditätshilfen in Höhe von bis zu 61,6 Mrd. £ an die Halifax Bank of Scotland und die Royal Bank of Scotland gewährt. Diese hatten Sicherheit geleistet, eine Gebühr entrichtet und die Kredite bis Mitte Januar 2009 zurückgezahlt.

Soweit, so gut. Allein: Offengelegt hat das die Bank of England erst jetzt, nämlich im Rahmen einer Befragung vor dem Finanzausschuß des Unterhauses. Die Öffentlichkeit, die privaten Aktionäre und die Gläubiger der beiden Institute wurden also über deren wahren Zustand getäuscht, wenn auch nur kurze Zeit - nämlich nur bis etwa den 8. Oktober, als sowieso klar wurde, wie es um sie stand. Die Neue Zürcher Zeitung schreibt dazu, die geheime Aktion erschrecke (Nr. 274/2009 vom 25. November 2009, p. 9):

Der formalen Richtigkeit des Jahresberichts der Bank of England kann nicht vorbehaltlos vertraut werden. Marktteilnehmer können über immense Liquiditätshilfen und den wahren Zustand von Banken getäuscht werden. Die Regierung kann entsprechende Risiken vor der Öffentlichkeit verbergen.
Und das, finde ich, sind doch recht bemerkenswerte Sätze.


Verhandlungen mit der Bundesregierung um die "Rettung" der Adam Opel GmbH - der x-te Fall von Tauroggen. Sergio Marchionne wird zitiert:

"a Berlino è andata in onda una soap opera brasiliana, ma la vita va avanti anche senza di loro".
visestis.myblog.it und anderswo

Man kann das ruhig verallgemeinern.
Wer etwas von Lateinamerika versteht, bedauert nicht nur das, woher die Unsummen von schmutzigem Geld kommen, sondern auch die Auswirkungen einer Wirtschaft, deren Ziel es nicht ist, Gewinne zu erzielen - sondern eben nur: durch Umsatz Geld aus dunklen Quellen ins lichte Wirtschaftsleben zu bringen. Es fehlt hier jedes Trachten nach Effektivität, Wirtschaftlichkeit und Kontinuität.

So kann auch die Erbschaftssteuer wirken: Nämlich in den Fällen, in denen mit Rücksicht auf sie Vermögensgegenstände an Leute oder juristische Personen übertragen werden, die wirtschaftlich keinen oder noch keinen Nutzen von der Sache haben sollen.

So antwortete mir jemand, dem ich eine etwas vorausschauendere Verwaltung "seiner" Immobilie vorschlug, er selbst sei ja nur Nutznießer, die Sache sei schon lange an seine Kinder übertragen. Hier besteht wie bei einer Firma, die nur der Geldwäsche dient, bei niemandem ein Interesse an Nachhaltigkeit:

  • Die Kinder haben derzeit nichts von einer werterhaltenden oder -verbessernden Verwaltung. Sie werden auch nicht den Konflikt mit ihren Eltern suchen.
  • Der Nießbraucher wird seinen Gewinn - sprich: seine "Rente" - nicht durch Investitionen schmälern in eine Sache, die ihm nicht mehr gehört, die nicht mehr ihm eigen ist.
  • Und an einem Verkauf etwa an jemanden, der sich die Liegenschaft wirklich zu eigen machte, ist natürlich erst recht keiner interessiert, weder die Eltern noch die Kinder: Jeder müßte ja fürchten, hinterher schlechter dazustehen.
Steuern sind dazu da, dem Staat Einnahmen zu erzeugen. Die Erbschaftssteuer trägt hierzu bekanntlich nur wenig bei. Hier schadet sie sogar. Warum schafft man sie nicht endlich ab?
Der Topos «Too big to fail» markiert eine schleichende Verlagerung des allein aus seiner Größe entstehenden Risikos eines Unternehmens in die Gesellschaft, auf sein Land [4].

Auf der Konferenz der Mont Pèlerin Society in New York über «The End of Globalizing Capitalism? Classical Liberal Responses to the Global Financial Crisis» schlug Nobelpreisträger Gary Becker eine progressive Ausgestaltung der Eigenkapitalerfordernisse vor: Je größer eine Bank sei, umso höher müsse ihr Eigenkapitalanteil sein. Das bremse das Wachstum zwar, lasse es aber weiter zu und sichere die Bank gegenüber Totalabstürzen ab [1].

Ich halte das für einen guten Ansatz. Die Frage ist, ob eine Regel von außen erforderlich ist. Ist es nicht ein Zeichen dafür, daß die Banken ihre Aufgaben nicht richtig wahrnehmen, wenn sie nicht schon von sich aus so handeln?

Die Bank und ihre Tätigkeiten lassen sich nur im Rahmen und als Teil von Wirtschaft und Gesellschaft verstehen [2]. Der Wirtschaft und damit den Menschen ihres Landes zu dienen, ist ein verbindlicher Maßstab für die Tätigkeit aller Bankiers [3]. Aus der Tatsache, daß es keine Freiheit ohne Verantwortung, also auch kein Risiko ohne Verantwortung gibt, folgt meiner Ansicht nach ohne weiteres, daß wachsende Banken ihren Eigenkapitalanteil - wie Becker sagt: progressiv - mitwachsen lassen müssen. Es ist selbstverständlich.

[1] Quelle: G.S. in NZZ Nr. 83/09 von heute, S. 13;
[2] Robert Holzach, Herausforderungen, S. 120;
[3] nach: Jürgen Ponto zum 100-Jährigen Bestehen der Dresdner Bank, vgl. a.a.O., S. 119;
[4] vgl. Thorsten Hens Bankensystem ohne Banken, in: Finanz und Wirtschaft Nr. 66/ 2009 vom 26. August 20009.


Nachtrag vom 19. Juni 2010:

Oswald Grübel sieht das so (nach NZZ vom 18. Juni 2010,  Seite 35):
Als grösste verbleibende Herausforderung bezeichnet Grübel das «Too big to fail»-Problem. Die Bilanzsummen der beiden Grossbanken seien im Verhältnis zum Schweizer Bruttoinlandprodukt zu gross. Eine mögliche Lösung besteht aus seiner Sicht darin, die beiden Grossbanken in der Schweiz auf ihr Schweizer Kerngeschäft zu begrenzen. Dies hätte eine deutliche Verkürzung ihrer Bilanzen zur Folge. Die nicht zum Schweizer Geschäft zählenden Aktivitäten, laut Grübel ungefähr drei Viertel des gesamten Geschäfts, liessen sich auf Tochtergesellschaften im Ausland übertragen. Diese müssten allerdings mit Eigenkapital ausgestattet werden und könnten sich nicht, wie dies heute bei Niederlassungen der Fall ist, allein auf Garantien der Muttergesellschaft stützen. Damit wäre eine solche Aufspaltung der Grossbanken mit einem grossen zusätzlichen Kapitalbedarf verbunden, der nicht ohne Auswirkungen auf die Profitabilität bliebe.

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