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Es fiel mir neulich auf, als mein hundertjähriger Freund G. von seinen Erlebnissen mit einigen Leuten erzählte. Er sagte:

"Die benehmen sich nicht richtig."

Er benutzte also nicht den Topos "gutes Benehmen". Ich hätte gesagt:

"Die haben kein gutes Benehmen."

Das jedoch stimmte nicht, denn es gibt kein gutes Benehmen. Es gibt nur richtiges Benehmen oder garkeins.
"Ich bin fest davon überzeugt, daß die Amtsgeschäfte durch das geschriebene Wort geleitet werden sollen. Zweifellos wird im Rückblick vieles, was im Drang der Ereignisse von Stunde zu Stunde niedergeschrieben wurde, in keinem rechten Verhältnis zu den Dingen stehen oder sich auch als unrichtig erweisen. Dieses Risiko nehme ich bereitwillig auf mich. Von der Hierarchie der militärischen Disziplin abgesehen, ist es immer besser, Meinungen und Wünsche auszusprechen, als Befehle zu erteilen. Schriftliche Weisungen aber, die von dem gesetzmäßig ernannten Chef der Regierung und insbesondere mit der Verteidigung betrauten Minister persönlich herrühren, besaßen so viel Gewicht, daß sie, ohne ausdrücklich als Befehle bezeichnet zu sein, sich häufig in Aktionen umsetzten."
Winston S. Churchill, in: Der Zweite Weltkrieg, Band 2, Die nationale Koalition

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VOGUE: "Frau Otto, Ihre Telefone klingeln, warum heben Sie denn nicht ab?"

KARLA OTTO: "Weil ich jetzt mit Ihnen reden möchte. Nur so geht's: alles der Reihe nach erledigen und sich immer auf den Termin konzentrieren, der gerade anliegt."

BUSINESS VOGUE 4/11, München, Seite 36

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"Rien faire, tout faire faire, rien laissez faire"

(las ich einmal in den Tagebüchern von Ernst Jünger)
«Es gibt mit Ausnahme der Gesundheit nichts Wichtigeres, als in Frieden und Freiheit leben zu können.»
Das soll der Bayerische Ministerpräsident heute zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands gesagt haben.

Das Offenbarende daran ist, daß keiner widerspricht. Ich höre jedenfalls nichts.

Vielleicht führt mich morgen mein Weg nach Oberhochmutting, wo die sechs Flieger liegen.
Es war ja tatsächlich wenig stilvoll, wie sie den türkischen Botschafter empfangen hatten.


Israeles apud Turcos se excusant

Israeles hodie vesperi apud Turcos de legato eorum humilitato se excusaverunt; quam excusationem praeses Turciae, Abdullah Gül, ab Israelibus poposcerat minatus se eum de legatione revocaturum, nisi excusatio sibi daretur.

Benjamin Netanyahu, qui regimini Israeliano praeest, nunc sperat discordias finitas fore.

Nam Danny Ajalon, minister vicarius rerum exterarum, cum dignitatem legati Turcorum publice minuisset, Turcis de ea re satisfacere non potuit.

Inter Turcos et Israeles discordia de rebus ad Palaestinenses pertinentibus orta est. Praeterea Recep Erdogan, primus minister Turcorum, contendit, ut in discordia sedanda, quae inter Israeles et regimen Iranianum esset, etiam de armis atomicis Israelianis ageretur, quae a communitate internationali occultarentur.

Vice versa Israeles Turcis obiecerunt, quod emissiones antisemiticas in televisione sua tolerarent.

Ajalon enim fabellis continuatis, quibus titulus „luporum vallis", reclamaverat, quae televisione Turca emittebantur. In quibus spectari potest, quomodo puer Turcus a procuratore quodam officii secreti "Mossad" abducatur.

Ajalon, cum de his rebus cum legato Turcorum, Ahmet Celikkol, colloqueretur, eum in sella humiliore considere iussit; praeterea mensam nullo vexillo nisi Israeliano ornatam fuisse constat. Celikkol „ex XXXV annis", inquit, „munere legati fungor. Numquam in dignitate mea ita sum minutus".

Quelle: ephemeris; Schreibfehler "revocaturum" korrigiert auf Anregung von Arius

Immer wieder findet man auf Webseiten "Allgemeine Geschäftsbedingungen" oder "Datenschutzerklärungen" wie diese:

„Diese Website benutzt Kugel Analytics, einen Webanalysedienst der Kugel GmbH („Kugel"). Kugel Analytics verwendet sog. „Cookies", [...]

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Bearbeitung der über Sie erhobenen Daten durch Kugel in der zuvor beschriebenen Art und Weise und zu dem zuvor benannten Zweck einverstanden."

Hier wird unterstellt, man gebe irgendwelche Willenserklärungen ab.

Wie bei der deutschen Domainregistrieungsgenossenschaft, wenn man wissen will, auf wen eine Domain registriert ist. Man muß nach der Eingabe einer Domain auf einen Knopf klicken, wodurch man sich angeblich mit irgendwelchen Nutzungsbedingungen einverstanden erklärt.

"Durch das Betätigen des untenstehenden Buttons [...] versichern Sie, dass Ihrerseits ein berechtigtes Interesse vorliegt und Sie die ausgegebenen Daten nur zu diesen Zwecken nutzen werden. Ihnen ist bekannt, dass sich die [Genossenschaft] vorbehält, bei Missachtung dieser Versicherung rechtliche Schritte einzuleiten und Sie von der Nutzung der whois-Abfrage auszuschließen."
Oft kommt das auch bei Inbetriebnahme einer Software vor: Man klickt auf einen Knopf und soll angeblich damit erklären, daß man mit allen möglichen Dingen einverstanden ist, Lizenzen zur Kenntnis genommen hat etc.

Das ist alles Unsinn.
 
  • Willenserklärungen sind solche, die vom Erklärenden als rechtlich verbindliche Äußerungen gewollt sind, die jemandem anderen zugehen sollen. Daran fehlt es aber völlig: Weder bei der Eingabe einer Domain noch bei Besuchen einer Webseite will ich irgendeine Erklärung abgeben oder habe auch nur die Vorstellung davon, daß jemand von mir eine Erklärung erhält. Ich will nur die Webseite lesen oder wissen, auf wen die Domain eingetragen ist, oder daß die Software auf meinem Gerät läuft, sonst garnichts. Ich klicke doch selbstverständlich auf alles, was sich da bewegt, um zum Ziel zu kommen, und sage nichts und weiß, daß niemand je etwas von dem Klick wahrnimmt.
  • Und das ist selbstverständlich. Sodaß die Leute, die sich als Empfänger irgendwelcher verpflichtenden Erklärungen der Leser ihrer anspruchsvollen Zeilen aufspielen, sich nach Treu und Glauben und mit Rücksicht auf die Verkehrssitte nicht ernsthaft auf den Wortlaut ihrer Zumutungen berufen können.
Von diesen Webseitenbesuchen oder Klicks läßt sich rechtlich nichts, aber auch garnichts, ableiten.
Mein Beitrag Straßenansicht verträgt eine Begründung, wie mir mein Freund svb gestern sagte. Hier sei sie versucht:

Ich verweise auf das Zitat Ernst Jüngers vom 13. August 1942, Strahlungen I, München 1988 in meinen Artikel Marketing, Werbung und Medien.

Dabei komme ich auf einen weiteren Gedanken: Ich nehme an, daß die informationstechnisch eingeführte Sklaverei zu einer Vertiefung der Kluft führen wird zwischen denen, die sich unterwerfen und denen, die frei bleiben werden. Die Bildungschancen werden gigantisch ungleich verteilt sein, und zwar nicht nur global gesehen wie heute, sondern auch innerhalb der Wohlstandsgesellschaft. Ernst Jünger schreibt am 13. August 1942 weiter:

"Die Freien dagegen kennen sich und werden an einem neuen Glanz erkannt, der sie umwebt. Es handelt sich vielleicht um ganz kleine Gremien, die Freiheit hegen, wahrscheinlich unter Opfern, doch wird der geistige Gewinn das vielfach aufwiegen."
Das klingt manchen sicher gewöhnungsbedürftig, deutet aber an, was ich meine: Wie sehr verschieden und womöglich den anderen überlegen werden die sein, die die Informationsmanipulationswelt nicht an sich herankommen lassen werden! Diesen Gedanken finden wir ja ebenso bei E. M. Forster (cf. The Mashine stops), Huxley und Orwell.

Ich verweise hier weiterhin auf Christoph Türcke, Philosophie des Traums, München 2008, insbesondere auf das letzte Kapitel dort. Ich zitiere von Seite 246:

"Nur kraft abstrakter Vorstellung konnte eine technische Einbildungskraft ausgeheckt werden, die diesen Vorstellungen nun ihre eigene Blässe vorführt und ihnen durch eine Flut satter, praller, zudringlicher Bilder ständig die Frage stellt: Wer seid ihr schon, ihr Bläßlinge? Wollt ihr euch nicht ergeben?"
Die Menschheit hat, so meint Türcke, nur durch die Abstraktion von der Wirklichkeit, durch das sich selbst ein Bild machen können, überhaupt Menschheit - nämlich kulturbegabt - werden können. Was jetzt geschieht, wo die Bilder Schlag auf Schlag von einem Besitz ergreifen, ist ein Angriff auf diese unsere Basis.

Bis hier ist meine Begründung grundsätzlich und ließe sich auch gegen andere Anwendungen der Informationstechnik vorbringen. Spezifischere Gesichtspunkte sind folgende:
 
Wer sich mit den Fragen, die Street View aufwirft, beschäftigt, könnte auch an das meiner Ansicht nach wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts denken, das am 18. und 19. Oktober 1983 zur Volkszählung ergangen ist (Aktenzeichen 1 BvR 209, 269, 362, 420, 440, 484/83). Was ich so großartig daran finde ist, daß es letztlich auf die seelische Befindlichkeit der Menschen abstellt und diese als das Entscheidende heranzieht:

"Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, daß etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer Bürgerinitiative behördlich registriert wird und daß ihm dadurch Risiken entstehen können, wird möglicherweise auf eine Ausübung seiner entsprechenden Grundrechte (Art. 8, 9 GG) verzichten. Dies würde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungsfähigkeit und Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist."
Mit dem Gefühl der Einzelnen, hier nicht aus dem Blickwinkel Bürger - Staat, sondern Bürger - Mitbürger betrachtet, spielen diejenigen Schindluder, die ohne Rücksicht auf deren Einverständnis, auf deren vermutliches Einverständnis, auf deren Befindlichkeit und deren Würde massenhaft die Menschen aufnehmen und aller Welt vorführen, deren Häuser, Kinder, Blumen im Fenster, Slips auf dem Balkon, Müll auf der Straße, deren Autos und Motorroller mit oder ohne Freundin, Frau, Kind und Kegel. Dabei wird der Ort der Aufnahmen genau angegeben, sodaß jemand, der etwa seiner Tante in Australien eine Postkarte schreibt, dies in Zukunft mit der Gewißheit tut, daß diese sich das Bild von der Gegend, wo der Absender wohnt, mit dem macht, was diese Herren von Santa Clara meinten, etwa an genau dem 23. Juli 2009 um 12 Uhr 24 Minuten von der Nr. 10 Via Luigi C. in N. aufnehmen und ungefragt ins Netz stellen zu wollen.

Diverse Argumente werden dagegen vorgetragen:
  1. Es sei doch ein phantasticher Gedanke, daß man die ganze Welt im Netz abbilde! Wieviel reicher werde die Menscheit damit! Ich sage: Das mag ja sein, aber die Freiheit der einen hört da auf, wo die Würde und Freiheit der anderen anfängt. Das herausgerufene "Wir! Unser aller Tennisball von Erde! Schaut ihn an!" hat sein Fundament in dem "Ich!" des Einzelnen, wie es das Bundesverfassungsgericht herausgearbeitet hat. Warum ruft man nicht alle auf, selbst ein Bild von Zuhause an den Stadtplan anzubringen, wenn man etwas großartiges Gemeinsames schaffen will? Welche Art Gier steckt hinter der skrupellosen Eile der Leute? Fakten schaffen, wahrscheinlich. Gelinde gesagt kommt das mir übergriffig vor.
  2. Hausnummern würden ja verpixelt und seien damit auf den Bildern nicht mehr lesbar. Ich aber sage: Das stimmt nicht, ich habe viele Hausnummern lesbar gefunden.Es reicht außerdem doch schon zu sehen, in welcher Gegend einer wohnt. Zudem wird die Ortsangabe mit "Ungef'ähr Hausnummer 10" eingeblendet.
  3. Gesichter würden verpixelt. Ich aber sage: Was für eine Grobheit, seinen Mitmenschen das Gesicht zu verunstalten und sie so allen vorzuführen! Erkennen tut man sie sowieso, der Mensch ist gerade in dieser Leistung einmalig.
  4. Autokennzeichen würden verpixelt. Ich aber sage: Das stimmt nicht, ich habe Kennzeichen schon lesen können. Außerdem sind die Fahrzeuge auch so zu erkennen.
  5. Es stünde doch jedermann frei, jedes Bild ins Netz zu stellen. Ich sage: Ja, aber auch da sollte man schon äußerste Vorsicht walten lassen. Und: Der Unterschied zwischen Straßenbildern aus dem Urlaub und dem, was diese Leute aus Santa Clara tun, besteht darin, daß es erheblichen Aufwand bedeutet, aus einem Urlaubsphoto eine Adresse oder gar eine Person herauszufiltern, wogegen gerade kommerzieller Sinn der anderen Aufnahmen ist, sie zuordnen zu können. Die innere Einstellung zum Objekt ist das, was das eine akzeptabel, das andere perfid macht.
Und dieser letzte Satz sei hier der Schlußsatz.
 

Um die Produkte der in Mountain View, Santa Clara County, Kalifornien, ansässigen bekannten Informationsverarbeitungsgesellschaft werde ich in Zukunft lieber einen sehr großen Bogen machen. Was die Leute dieser Firma unter dem Titel Street View unternehmen - mehr noch: wie sie es machen, offenbart eine zynische Mentalität, die mir alles, was sie sonst noch tun, in anderem Licht erscheinen läßt.
Mir kommen oft die Worte Gregor von Rezzoris in den Sinn, die er in Geisengemurmel (München, 1996, Seite 42 f) zum Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal und Carl Jakob Burckhardt schrieb.

Er bringt seinen Schmerz darüber zum Ausdruck, daß etwas während seiner Lebzeit verloren gegangen sei:

"Die Verpöbelung der Welt wird mir bewußt bis zum physischen Erleiden. Mir ist das peinliche Geschick zugefallen, mit offenen Augen am Niedergang teilzuhaaben. Spätgeborener Spätzeitgenosse. Ich sehe das Verlorene, das die allermeisten noch später Geborenen glücklicherweise nicht mehr sehen."
Und dieses beschreibt er dann. Ich gebe die Zeilen hier leicht gekürzt  und um einen Absatz sowie um die vom Autor weggelassenen Kommata ergänzt wieder:

"Es ist nicht allein die Fülle und Gründlichkeit des Wissens; nicht allein der Scharfblick. Weitblick, Weltblick jener hochdisziplinierten Epochenverschlepper des neunzehnten Jahrhunderts ins frühe zwanzigste; es ist auch nicht die Weltläufigkeit.

Es ist der gute Ton. Er herrscht nicht nur im persönlichen Umgang von Freund zu Freund, sondern in allem, worauf ihr Zwiegespräch sich bezieht. Im Profundesten wie im Trivialen - ob sich's um Gedanken zur Religion, Geschichte, Völkerpsychologie, Literatur, zum Theater, zur Politik, zur Charakterisierung von Personen, zur Beschreibung von Situationen oder um ein Stadtbild, einen Reisebericht handelt oder um eine Frühstückseinladung, ein Krankenbulletin, einen Bilderverkauf, den Austausch von Ferienerlebnissen - immer ist das mit einer Grazie der gegenseitigen Achtung, Formbewahrung, Diskretion und weltmännischer Distanz - kurz: einer zivilisatorisch hochgezüchteten Objetivität vorgetragen, die unsereinen bis zum Zähneknirschen beschämen müßte."
Der in Hannover erscheinenden Neuen Presse sagte die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am Samstag laut spiegel.de (14.3.), es werde derzeit mit acht großen Internet-Zugangsanbietern verhandelt. Einzelne Verträge seien bereits unterschriftsreif. Ein sogenannter Web-Filter soll von den Internet-Providern (wahrscheinlich auf eigene Kosten) betrieben und mit Listen vom Bundeskriminalamtes "gefüttert" werden.

Mit acht Zugangsanbietern? Und die anderen sollen zuschauen? Wissen noch nicht einmal, was die Bundesrepublik mit der Konkurrenz verhandelt? Sollen sie dann vor vollendete Tatsachen gestellt werden? Sollen jetzt darauf warten, später ein ebensolches "Angebot" von der Bundesrepublik zu bekommen, das sie nicht mehr ablehnen können? Wie sollen die sich denn vorkommen?

Hier sind wir nicht mehr nur in der Sphäre des Respekts, des Anstands, des Stils oder der Zweckmäßigkeit, hier sind wir im Bereich des guten alten Grundgesetzes (Art. 3, 14, 20 Absatz 3 und natürlich 5 GG).
Der Freistaat bringt einen Gesetzesentwurf ein zum Verbot von bestimmten Computerspielen. Dessen erster Satz zeigt, welcher Haltung dies entspringt.

Wenige Jahre nach den Bluttaten in Bad Reichenhall 1999 und in Erfurt 2002 sind die Bürgerinnen und Bürger angesichts der neuen Gewalttat in Emsdetten 2006 aufs Neue zutiefst erschüttert.

Die Bürgerinnen und Bürger sind also zutiefst erschüttert. Immer, wenn die Bürgerinnen und Bürger zutiefst erschüttert sind, besteht Anlaß, einen Gesetzentwurf einzubringen? Welche Bürgerinnen und Bürger sind erschüttert? Zutiefst? Wirklich alle? Ich war es nicht und bin es auch heute etwa wegen des Falles Winnenden nicht. Wenn ich immer zutiefst erschüttert wäre, wenn das Fehlen von Liebe und die Depression eines jungen Menschen Tote fordert, hätte ich viel zu tun. Seelennot fordert dauernd Tote, nur sieht man es nicht. Weil man es nicht sehen will [nebbich ein komplizierter Begriff] - oder: kann [dito].

Es ist eine Hypokrisie. In Indien sind seit 1947 sechzig Millionen weniger Mädchen auf die Welt gekommen als nach Statistik hätten geboren werden müssen. Wen interessiert das? Zu China habe ich mich schon geäußert: Die Gefangenen dort in den Verliesen rührt in Deutschland - im Sinne der oben zitierten Präambel - keine Bürgerin und keinen Bürger, wenn es ums Geld geht.

Ich empfinde auch einen stoßenden Gegensatz zwischen dieser nach außen hingestellten apostophierten Gutmenschentugendhaftigkeit zu einem anderen in meinen Augen beachtlichen Mangel an Ritterlichkeit und Stil, der diesmal aber im Gegensatz zu Shooting- und Ballerspielen nicht das virtuelle, sondern das reale harte Leben betrifft: Es werden bei uns in der Bundeswehr weibliche Soldaten ausgebildet und an die Front geschickt. Was letzteres heißt: wirklicher Kampf Mann gegen Mann, Auge in Auge wie in den virtuellen düsteren Gängen, gepixelten brennenden Raumschiffbasen und phantasierten feuchten felsigen Wäldern. Eine Frau: Sie kann immer schwanger sein. Man mutet dem Gegner also zu, möglicherweise auf eine schwangere Frau zu schießen, Mann gegen Schwangere also. In welcher Welt leben wir eigentlich? Wer denn soll uns unsere humane Attitüde abnehmen?

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