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Inge Thulin sagte (nach Gillian Tett, FT vom 2. Juni 2017, Seite 9):

„Things like Nafta are working well, but it can be improved. . . . what we want is fair trade."

Tett weist auf die lokalisierende - im Gegensatz zu globalisierende - Tendenz darin hin.

In Deutschland wird fair trade als Vertriebsmittel eingesetzt. Kunden wird suggeriert, sie förderten den Wohlstand armer Produzenten in fernen Ländern. Der Einsatz hier dagegen soll dazu führen, daß die Gewinne im - bereits wohlhabenden - Land bleiben.

Der Begriff fair wird von beiden Seiten mißbraucht.

Wenn Handel etwas anderes ist als: Geld gegen Ware, dann ist es kein Handel mehr, sondern irgend etwas anderes.

Es fiel mir neulich auf, als mein hundertjähriger Freund G. von seinen Erlebnissen mit einigen Leuten erzählte. Er sagte:

"Die benehmen sich nicht richtig."

Er benutzte also nicht den Topos "gutes Benehmen". Ich hätte gesagt:

"Die haben kein gutes Benehmen."

Das jedoch stimmte nicht, denn es gibt kein gutes Benehmen. Es gibt nur richtiges Benehmen oder garkeins.
"China is very open," sagte Yu Yondding beim World Economic Forum am 29. Januar 2011 (siehe Lifestream "The Global Economic Outlook", 1:16:00).

Es handelt sich um eine Metapher, die dadurch, daß sie verunglückt,  einen interessanten Einblick in das Denken ihres Verwenders gewährt: Eine Tür kann offen sein oder geschlossen. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" heißt es im Weihnachtslied (vgl. Psalm 24, 7). Wie kann eine Tür sehr offen sein? Ich meine: entweder ist sie offen oder geschlossen. Man kann auch von halb geöffnet oder weit offen sprechen, aber eben nicht von sehr offen.

Alle Beteuerungen ("People can say [oder see?] whatever they want.") nützen nichts, die Relativierung des Wortes open bleibt und ist damit ein Geständnis, daß China eben nicht offen ist.

Insofern ist das Wort offen in einer Gruppe mit geschlossen, konkret, schwanger, usw.
Search Engine Optimization, abgekürzt: SEO, die Suchmaschinenoptimierung: Ein Begriff, der alleinstehend sinnlos ist. Wie etwa

  • "mehrfach ausgezeichneter" [z.B. Film, Roman]: Von wem wurde er ausgezeichnet?
  • "Träger hoher und höchster Auszeichnungen": Wer hat ihm die gegeben?
  • "Bundesehrenpreis": Von wem wurde er gestiftet? Wer teilte ihn zu?

Der Begriff führt in die Irre. Es muß Suchmaschinenmanipulation heißen.
Mir fällt auf, daß die heute als verstärkend benutzten Worte toll und sehr ursprünglich eine Bedeutung hatten, die zum Pathologischen gehört:



  • sehr kommt von mittelhochdeutsch sêr, althochdeutsch sero und stand damals für wund, schmerzlich, peinvoll. So wird es heute noch im englischen sero gebraucht.
  • toll bedeutete des oder wie des Verstandes beraubt.
Im „Misthaufen Internet" (Joseph Weizenbaum) finden sich immer wieder Edelsteine. Zum Beispiel:


Was allerdings der Bachmann-Verlag zusammengetragen hat an

ist ein veritabler Preziosenmarkt, um im Bild zu bleiben. Und umwerfend ist, wie die Leute von leo das Deutsch-Chinesiche Wörterbuch geschrieben haben. Zum Beispiel das Wort


samt Aussprache und Pinselführung zum Schriftzeichen. Ethymologie der Englischen Sprache schenkt einem

  
Biologie: Es gibt


Und ich finde, was ich gedruckt auch in der Bibliothek stehen habe:

Geodäsie:

Mein lieber Bruder Ärgerlich
hat hat alles, was er will,
was er will, das hat er nicht,
was er hat, das will er nicht.
Mein lieber Bruder Ärgerlich
hat alles, was er will.
Kinderreim

Hier wird der Begriff wollen quasi aufgelöst.

Dabei kann man an Petrus, Röm. 7,19, denken:

„Das Böse, das ich nicht will, das tue ich."

Oder an Petrarca 1 Canz 17,8,10:

"E veggio 'l meglio ed al peggior m' appiglio."
(Und ich sehe das Bessere und ergreife das Schlechtere.)
 Aus:Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi
von Samuel Singer, Werner Ziltener, Christian Hostettler, Kuratorium
Das RVG heißt ausgeschrieben:

Gesetz über die Vergütung der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte.
Der letzte Satz des § 113 Absatz 1 TKG lautet:

Über die Auskunfterteilung hat der Verpflichtete seinen Kundinnen und Kunden sowie Dritten gegenüber Stillschweigen zu wahren.

Ich warte darauf, daß die weibliche Form auch beim § 211 StGB ähnlich konsequent aufgenommen wird, daß fürderhin im StGB nicht nur von "der Täter" die Rede ist, und daß es etwa beim § 297 Absatz 1 dieses Gesetzes in Zukunft heißt:

Wer ohne Wissen der Reederin oder des Reeders ...
und so weiter.

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"Diese Seuche der cc bei den E-Mails: Die schafft ja völlig neue Verantwortlichkeiten!"

Prof.  Dr. Klaus Volk, 10. November 2008

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Monica Hegglin über Sergio Marchionne in der Finanz und Wirtschaft Nr. 86/2008: Mit Härte habe er Fiat vor dem Konkurs gerettet. Seine Kritik zeige, daß im Verwaltungsrat der UBS "nicht nur Kopfnicker sitzen".  Einen "Leistungsausweis als Karrierekiller" schreibt sie ihm mit zu. Am besten gefällt mir aber, daß sie ihm attestiert:

sagenhafte Offenheit.
Es wird der Regierung immer wieder leicht gemacht, den Unternehmen auf die Pelle zu rücken. Sie winkt mit der Keule [hier: Erfordernis der besonderen Einwilligung für z.B. Zeitschriftenwerbebriefe im Entwurf einer Novelle des Bundesdatenschutzgesetzes], und schon werden alle stromlinienförmig, hier nämlich einverstanden mit dem ebenfalls im Entwurf enthaltenen "freiwilligen Datenschutzaudit" nach einem neuen Datenschutzauditgesetz:

Wir unterstützen das Ziel des Bundesministeriums des Inneren, illegalen Datenhandel zu unterbinden und Maßnahmen gegen Vollzugsdefizite bei der Einhaltung des geltenden Datenschutzrechts zu ergreifen. Insbesondere Datenschutzaudits sind ein geeignetes Instrument, um die Ziele des Gesetzgebers zu erreichen. Insofern begrüßen wir auch den Vorschlag eines Datenschutzauditgesetzes.
Gemeinsame Stellungnahme „Auditoption" der Verbände und Unternehmen
DDV Deutscher Dialogmarketing Verband e. V., Wiesbaden
bvh Bundesverband des Deutschen Versandhandels e.V., Frankfurt
Deutsche Post AG, Bonn
Quelle GmbH, Fürth
Schober Holding International AG, Ditzingen
S.K. Management- und Beteiligungs GmbH, Baden-Baden
vom 27. Oktober 2008

Gut, die Verlage fühlen sich bedroht (Horizont 45/08, p. 8). Ich aber meine:

  • Ein Datenschutzauditgesetz braucht's nicht. Die Unternehmen haben ja schon einen Datenschutzbeauftragten.
  • Ein Gesetz, das es nicht braucht, darf nicht sein.
  • Das Audit ist, aus dem Englischen übersetzt, eine Prüfung, es handelt sich um Überwachung, die auf Samtpfötchen daherkommt.
  • Diese ist nicht freiwillig. Es wird nämlich bei der Regierung eine Liste erstellt von denen, die sie freiwillig haben über sich ergehen lassen (§ 5 Absatz 2 des Entwurfs des Datenschutzauditgesetzes, DSAG), also auch eine, die das nicht taten - man braucht ja nur nachzuschauen. Weiterhin entsteht Druck auf die Unternehmen, die die Prüfung nicht wollen, wenn die Wettbewerber sich auf die staatliche Prüfung [und Auszeichnung] tatsächlich einlassen - oben haben wir ja schon einige, die das noch vor Erlaß des Gesetzes erklären. Und was ist, wenn die neuen Datenschutzkontrollstellen im Rahmen der freiwilligen Kontrolle des Unternehmens A meinen, beim Unternehmen B (z.B. Vertragspartner, Subunternehmer) bestünden Mängel? Im § 5 Absatz 3 am Ende des Entwurfs des DSAG heißt es:
 Soweit eine Kontrollstelle im Rahmen der von ihr durchgeführten Kontrollen Tatsachen feststellt, die einen hinreichenden Verdacht auf Unregelmäßigkeiten oder Verstöße der in Satz 2 genannten Art begründen, der eine nicht von der Kontrollstelle kontrollierte nicht-öffentliche Stelle betrifft, teilt die Kontrollstelle die Tatsachen unverzüglich der Kontrollstelle mit, deren Kontrolle die betroffene nicht-öffentliche Stelle untersteht.
Was aber wird die Kontrollstelle tun, wenn es keine andere Kontrollstelle gibt, deren Kontrolle die nicht-öffentliche Stelle untersteht - schon dieses Wort zeigt, wessen Geistes Kind der Entwurf ist - , weil die nicht-öffentliche Stelle auf die Erteilung eines Siegels durch eine öffentliche Stelle lieber verzichtet?
  • Und was werden die dannzumal Regierenden spätestens beim nächsten Datenschutzskandal tun, wenn das DSAG tatsächlich in Kraft tritt? Sie werden ihren Wählern gefallen wollen, indem sie alle Unternehmen mit einem Fingerschnipp zum sogenannten Audit verpflichten (Ich höre es schon: "Zuckerbrot ...").
Zu dem Entwurf gibt es nur eins zu sagen:

Nein.
  • Paul Krugman schreibt zu seinen Blog-Einträgen:

With any luck, you will find many of these pieces extremely annoying. My belief is that if an op-ed or column does not greatly upset a substantial number of people, the author has wasted the space. This is particularly true in economics, where many people have strong views and rather fewer have taken the trouble to think those views through - so that simply insisting on being clear-headed about an issue is usually enough to enrage many if not most of your readers.

  • Zwei Schüler im Religionsunterricht: "Was wäre, wenn Adam und Eva sich an das Verbot gehalten hätten?" "Dann wäre Eva heute noch 'ne alte Jungfer."

  • Neulich Montag morgens Telephonat mit der Vermittlung der Landeshauptstadt München. Ich sage, ich kennte das Aktenzeichen nicht, der Vorgang sei hier in Verstoß geraten [ein Ausdruck aus der guten alten bayerischen Verwaltung]. Darauf der Beamte:

    "Nur das Chaoskind
    weiß, was Ordnung ist."



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