Psyche: Juli 2010 Archive

Der Ausgang der Volksabstimmung in Bayern zum Rauchverbot ist ein Eigentor.

Ich will nicht behaupten, daß ich das alles bis in den letzten Winkel verstanden habe, ich halte es aber - nach Lektüre Robert Hughes Nachrichten aus dem Jammertal - Wie sich die Amerikaner in political correctness vertrickt haben und Richard Sennett Verfall und Ende des öffentlichen Lebens - für zumindest plausibel und nachdenkenswert, was Robert Pfaller in der Zeitschrift Psyche 2009, S. 621 ff schreibt:

Die Sublimierung besteht in jenen Geboten, mit denen die Kultur den Individuen über jene Schranken hinweghilft, die ihrem Begehren aufgrund "organischer Verdrängung" und deren kultureller Bedeckung entgegenstehen. Was die Individuen, die als Träger konfliktueller Triebe fungieren und die in der Latenzperiode ein mächtiges, vielen Trieben feindliches Ich entwickelt haben, schwerlich oder sogar unmöglich als nicht-konfliktuell und ich-konform erleben und was sie sich deshalb nicht erlauben können, das macht die Sublimierung ihnen möglich, indem sie es ihnen befiehlt.
Kurz und um einen Begriff von Gregor von Rezzori zu gebrauchen: Ferien vom Über-Ich sind bitter nötig. Sie können auch befohlen werden.

Allein, die Postmoderne hat zu einer extremen Beraubung geführt, wie Pfaller schreibt:

Sie hat der Mehrheit den Zugang zur Resource Sublimierung erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Die Ressource Sublimierung ist eine Beute gesellschaftlicher Kämpfe, die gegenwärtig sehr zu ungunsten der zahlreichen Verlierer der Beutekämpfe verteilt ist. Listigerweise konnte diese Beraubung stattfinden, indem sie sich als Befreiung ausgab. Indem heute noch rebellische und unbeugsame Individuen dazu gebracht werden, ihre Befreiung unmittelbar in der Ablehnung der Kultur zu erblicken, läßt man sie selbst spontan gegen ihren Anteil an der Beute agieren. Hier läßt sich beobachten, was Spinoza meinte, als er feststellte, daß die Menschen oft "für ihre Knechtschaft kämpfen, als wäre sie ein Glück." (Der theologisch-politische Traktat, Leipzig, Reclam, Seite 10) Da dies nicht unter Zwang, sondern unter dem Eindruck selbstgewählten, freiwilligen Engagements der Individuen geschieht, müßte man in diesem Fall, anstatt von "repressiver" vielmehr von "Ideologischer Entsublimierung" sprechen.
Das hat Pfaller im Frühjahr 2008 eingereicht. Es ist beachtlich, wie genau er das beschreibt, was ich jetzt erlebe hier in Bayern. Absurd, und ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht.

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