Neues in der Kategorie Psyche

Das Ich ist ein körperliches:

"I suppose it was despair that strung my nerves."
Der Ausgang der Volksabstimmung in Bayern zum Rauchverbot ist ein Eigentor.

Ich will nicht behaupten, daß ich das alles bis in den letzten Winkel verstanden habe, ich halte es aber - nach Lektüre Robert Hughes Nachrichten aus dem Jammertal - Wie sich die Amerikaner in political correctness vertrickt haben und Richard Sennett Verfall und Ende des öffentlichen Lebens - für zumindest plausibel und nachdenkenswert, was Robert Pfaller in der Zeitschrift Psyche 2009, S. 621 ff schreibt:

Die Sublimierung besteht in jenen Geboten, mit denen die Kultur den Individuen über jene Schranken hinweghilft, die ihrem Begehren aufgrund "organischer Verdrängung" und deren kultureller Bedeckung entgegenstehen. Was die Individuen, die als Träger konfliktueller Triebe fungieren und die in der Latenzperiode ein mächtiges, vielen Trieben feindliches Ich entwickelt haben, schwerlich oder sogar unmöglich als nicht-konfliktuell und ich-konform erleben und was sie sich deshalb nicht erlauben können, das macht die Sublimierung ihnen möglich, indem sie es ihnen befiehlt.
Kurz und um einen Begriff von Gregor von Rezzori zu gebrauchen: Ferien vom Über-Ich sind bitter nötig. Sie können auch befohlen werden.

Allein, die Postmoderne hat zu einer extremen Beraubung geführt, wie Pfaller schreibt:

Sie hat der Mehrheit den Zugang zur Resource Sublimierung erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Die Ressource Sublimierung ist eine Beute gesellschaftlicher Kämpfe, die gegenwärtig sehr zu ungunsten der zahlreichen Verlierer der Beutekämpfe verteilt ist. Listigerweise konnte diese Beraubung stattfinden, indem sie sich als Befreiung ausgab. Indem heute noch rebellische und unbeugsame Individuen dazu gebracht werden, ihre Befreiung unmittelbar in der Ablehnung der Kultur zu erblicken, läßt man sie selbst spontan gegen ihren Anteil an der Beute agieren. Hier läßt sich beobachten, was Spinoza meinte, als er feststellte, daß die Menschen oft "für ihre Knechtschaft kämpfen, als wäre sie ein Glück." (Der theologisch-politische Traktat, Leipzig, Reclam, Seite 10) Da dies nicht unter Zwang, sondern unter dem Eindruck selbstgewählten, freiwilligen Engagements der Individuen geschieht, müßte man in diesem Fall, anstatt von "repressiver" vielmehr von "Ideologischer Entsublimierung" sprechen.
Das hat Pfaller im Frühjahr 2008 eingereicht. Es ist beachtlich, wie genau er das beschreibt, was ich jetzt erlebe hier in Bayern. Absurd, und ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht.
... aber der Weg dorthin.

Die Überzeugung [Warren] Buffetts, [...], dass nicht Geld, sehr wohl aber der Weg dorthin glücklich macht, hat ihn vor ein paar Jahren dazu bewogen, seine Kinder und Grosskinder bis auf geringe Beträge zu enterben. Die Begründung: Er wolle sie nicht der Chance berauben, ein erfülltes Leben zu führen.
 NZZ Nr. 256/2009 vom 4.11.09, p. 29
"Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um."
Wolf Biermann,
nach Pfannschmidt
Forum der Psychoanalyse 1987 3:205



"Do something you're not ready to do. In the worst case, you'll learn something about your limitations."
Marissa Mayer, nach Sally Singer, machine dreams in: Vogue (USA) August 2009, p. 142, [145]
 




"Charakter ist eine erstarrte Verwüstung."
unbekannt


In den letzten Monaten sind zwei Menschen beim Hallenklettern von der Wand gefallen und dabei umgekommen. Die Gemeinde der Kletterer war entsetzt, und man fragte sich, wie das passieren konnte.

Dazu steht nun etwas im Heft 61/9 des Magazins des Alpenvereins Panorama vom Oktober 2009 im Artikel  von Florian Hellberg und Chris Semmel mit einer Skizze, die ich mir erlaube, hier wiederzugeben.

knotensicherung.JPG

Mein Beitrag Straßenansicht verträgt eine Begründung, wie mir mein Freund svb gestern sagte. Hier sei sie versucht:

Ich verweise auf das Zitat Ernst Jüngers vom 13. August 1942, Strahlungen I, München 1988 in meinen Artikel Marketing, Werbung und Medien.

Dabei komme ich auf einen weiteren Gedanken: Ich nehme an, daß die informationstechnisch eingeführte Sklaverei zu einer Vertiefung der Kluft führen wird zwischen denen, die sich unterwerfen und denen, die frei bleiben werden. Die Bildungschancen werden gigantisch ungleich verteilt sein, und zwar nicht nur global gesehen wie heute, sondern auch innerhalb der Wohlstandsgesellschaft. Ernst Jünger schreibt am 13. August 1942 weiter:

"Die Freien dagegen kennen sich und werden an einem neuen Glanz erkannt, der sie umwebt. Es handelt sich vielleicht um ganz kleine Gremien, die Freiheit hegen, wahrscheinlich unter Opfern, doch wird der geistige Gewinn das vielfach aufwiegen."
Das klingt manchen sicher gewöhnungsbedürftig, deutet aber an, was ich meine: Wie sehr verschieden und womöglich den anderen überlegen werden die sein, die die Informationsmanipulationswelt nicht an sich herankommen lassen werden! Diesen Gedanken finden wir ja ebenso bei E. M. Forster (cf. The Mashine stops), Huxley und Orwell.

Ich verweise hier weiterhin auf Christoph Türcke, Philosophie des Traums, München 2008, insbesondere auf das letzte Kapitel dort. Ich zitiere von Seite 246:

"Nur kraft abstrakter Vorstellung konnte eine technische Einbildungskraft ausgeheckt werden, die diesen Vorstellungen nun ihre eigene Blässe vorführt und ihnen durch eine Flut satter, praller, zudringlicher Bilder ständig die Frage stellt: Wer seid ihr schon, ihr Bläßlinge? Wollt ihr euch nicht ergeben?"
Die Menschheit hat, so meint Türcke, nur durch die Abstraktion von der Wirklichkeit, durch das sich selbst ein Bild machen können, überhaupt Menschheit - nämlich kulturbegabt - werden können. Was jetzt geschieht, wo die Bilder Schlag auf Schlag von einem Besitz ergreifen, ist ein Angriff auf diese unsere Basis.

Bis hier ist meine Begründung grundsätzlich und ließe sich auch gegen andere Anwendungen der Informationstechnik vorbringen. Spezifischere Gesichtspunkte sind folgende:
 
Wer sich mit den Fragen, die Street View aufwirft, beschäftigt, könnte auch an das meiner Ansicht nach wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts denken, das am 18. und 19. Oktober 1983 zur Volkszählung ergangen ist (Aktenzeichen 1 BvR 209, 269, 362, 420, 440, 484/83). Was ich so großartig daran finde ist, daß es letztlich auf die seelische Befindlichkeit der Menschen abstellt und diese als das Entscheidende heranzieht:

"Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, daß etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer Bürgerinitiative behördlich registriert wird und daß ihm dadurch Risiken entstehen können, wird möglicherweise auf eine Ausübung seiner entsprechenden Grundrechte (Art. 8, 9 GG) verzichten. Dies würde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungsfähigkeit und Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist."
Mit dem Gefühl der Einzelnen, hier nicht aus dem Blickwinkel Bürger - Staat, sondern Bürger - Mitbürger betrachtet, spielen diejenigen Schindluder, die ohne Rücksicht auf deren Einverständnis, auf deren vermutliches Einverständnis, auf deren Befindlichkeit und deren Würde massenhaft die Menschen aufnehmen und aller Welt vorführen, deren Häuser, Kinder, Blumen im Fenster, Slips auf dem Balkon, Müll auf der Straße, deren Autos und Motorroller mit oder ohne Freundin, Frau, Kind und Kegel. Dabei wird der Ort der Aufnahmen genau angegeben, sodaß jemand, der etwa seiner Tante in Australien eine Postkarte schreibt, dies in Zukunft mit der Gewißheit tut, daß diese sich das Bild von der Gegend, wo der Absender wohnt, mit dem macht, was diese Herren von Santa Clara meinten, etwa an genau dem 23. Juli 2009 um 12 Uhr 24 Minuten von der Nr. 10 Via Luigi C. in N. aufnehmen und ungefragt ins Netz stellen zu wollen.

Diverse Argumente werden dagegen vorgetragen:
  1. Es sei doch ein phantasticher Gedanke, daß man die ganze Welt im Netz abbilde! Wieviel reicher werde die Menscheit damit! Ich sage: Das mag ja sein, aber die Freiheit der einen hört da auf, wo die Würde und Freiheit der anderen anfängt. Das herausgerufene "Wir! Unser aller Tennisball von Erde! Schaut ihn an!" hat sein Fundament in dem "Ich!" des Einzelnen, wie es das Bundesverfassungsgericht herausgearbeitet hat. Warum ruft man nicht alle auf, selbst ein Bild von Zuhause an den Stadtplan anzubringen, wenn man etwas großartiges Gemeinsames schaffen will? Welche Art Gier steckt hinter der skrupellosen Eile der Leute? Fakten schaffen, wahrscheinlich. Gelinde gesagt kommt das mir übergriffig vor.
  2. Hausnummern würden ja verpixelt und seien damit auf den Bildern nicht mehr lesbar. Ich aber sage: Das stimmt nicht, ich habe viele Hausnummern lesbar gefunden.Es reicht außerdem doch schon zu sehen, in welcher Gegend einer wohnt. Zudem wird die Ortsangabe mit "Ungef'ähr Hausnummer 10" eingeblendet.
  3. Gesichter würden verpixelt. Ich aber sage: Was für eine Grobheit, seinen Mitmenschen das Gesicht zu verunstalten und sie so allen vorzuführen! Erkennen tut man sie sowieso, der Mensch ist gerade in dieser Leistung einmalig.
  4. Autokennzeichen würden verpixelt. Ich aber sage: Das stimmt nicht, ich habe Kennzeichen schon lesen können. Außerdem sind die Fahrzeuge auch so zu erkennen.
  5. Es stünde doch jedermann frei, jedes Bild ins Netz zu stellen. Ich sage: Ja, aber auch da sollte man schon äußerste Vorsicht walten lassen. Und: Der Unterschied zwischen Straßenbildern aus dem Urlaub und dem, was diese Leute aus Santa Clara tun, besteht darin, daß es erheblichen Aufwand bedeutet, aus einem Urlaubsphoto eine Adresse oder gar eine Person herauszufiltern, wogegen gerade kommerzieller Sinn der anderen Aufnahmen ist, sie zuordnen zu können. Die innere Einstellung zum Objekt ist das, was das eine akzeptabel, das andere perfid macht.
Und dieser letzte Satz sei hier der Schlußsatz.
 

Blitze hat er als Kind - er ist Jahrgang 1924 - dadurch bekämpft, daß er die Palmkätzchen angezündet hat: Das sind die zu Palmsonntag geweihten Buxbaumzweige, die in Altbayern daheim zum Kruzifix gesteckt werden. Geschimpft sei er worden, weil er während eines Gewitters alle der Reihe nach verbrannt hatte, erzählt mein Freund. "Vor dem Krieg" habe man das so gemacht, das sei "gängige Vorgehensweise" gewesen. Er ist Ingenieur.

Hier wird die Angst vor dem Einschlag durch Vorwegnahme desselben - nicht gebannt, aber gewissermaßen in die Hand genommen und abgeschwächt. Der gefürchtete Vorgang wird auf einen Gegenstand verschoben und verdichtet und so seelisch beherrschbar gemacht.

Die Handlung ist auch eine Wiederholung des bereits Erlebten. Die Zweige waren im Sommer sicher schon staubtrocken und werden geknistert, lebhaft geflackert haben. Dadurch, daß ein Zweig nach dem anderen angezündet wurde, schwächte sich das Grauen vor der Naturgewalt Stück für Stück ab.
Gerade wenn man eines Entschlusses nicht sicher ist, verhilft die aktive Bewältigung der Lage dazu, «spielend» damit umzugehen. Die Vernunft, die zur Entscheidung geführt hat, verbindet sich unmerklich mit den Wünschen. Die realen Schwierigkeiten und die Gefühle, die dagegenstehen, werden nicht ganz verdrängt, verblassen aber und verlieren an emotionalem Wert.
Paul Parin Es ist Krieg und wir gehen hin, Berlin 1991, S.239
"Mir geht's schlecht."
"Wer sagt, daß es Ihnen gut gehen muß?"


"Mut ist ein Mangel an Phantasie."


" 's ist nicht das Schlimmste,
Solang' man sagen kann: »Dies ist das Schlimmste.«"
Shakespeare, König Lear, nach einer Übersetzung von

v. Baudissin; dieser Satz war ein Mot von Horst Siebert




  


Bild: www.wikipedia.de


Aus I Ging, übersetzt von Richard Wilhelm:

29. Kan: Das Abgründige, das Wasser

oben Kan, das Abgründige, das Wasser

unten Kan, das Abgründige, das Wasser

Das Zeichen besteht aus der Wiederholung des Zeichens Kan. Es ist eines der acht Doppelzeichen. Das Zeichen Kan bedeutet das Hineinstürzen. Ein Yangstrich ist zwischen zwei Yinstriche hineingestürzt und wird von ihnen eingeschlossen wie das Wasser in einer Talschlucht.

[...]

Das wiederholte Abgründige.

Wenn du wahrhaftig bist, so hast du im Herzen Gelingen, und was du tust, hat Erfolg.

Durch die Wiederholung der Gefahr gewöhnt man sich daran. Das Wasser gibt das Beispiel für das rechte Verhalten in solchen Zuständen. Es fließt immer weiter und füllt alle Stellen, durch die es fließt, eben nur aus, es scheut vor keiner gefährlichen Stelle, vor keinem Sturz zurück und verliert durch nichts seine wesentliche eigne Art. Es bleibt sich in allen Verhältnissen selber treu. So bewirkt die Wahrhaftigkeit in schwierigen Verhältnissen, daß man innerlich im Herzen die Lage durchdringt. Und wenn man einer Situation erst innerlich Herr geworden ist, so wird es ganz von selbst gelingen, daß die äußeren Handlungen von Erfolg begleitet sind. Es handelt sich in der Gefahr um Gründlichkeit, die alles, was zu tun ist, auch wirklich erledigt, und um Vorwärtsschreiten, damit man nicht in der Gefahr verweilend darin umkommt.


Das erinnert mich an das Zauberspiel Allem Kallem (z.B. in: An den Nachtfeuern der Karawan-Serail von Elsa Sophia von Kamphoefener). Es kann eine Anregung sein, wie man das Allem Kallem richtig spielt.

"Schönheit ist ein gutes Gefühl."

Werbung für ein Beiersdorf-Produkt

Stimmt. Nämlich nicht mehr und nicht weniger.

------------------

Aus einem Interview mit Oswald Kolle im deutschen Playboy 10/2008, p. 160. Kolle:

Einmal hat eine meiner Geliebten bei meiner Frau angerufen und gesagt: "Ich kriege ein Kind von Ihrem Mann." Da hat sie geantwortet: "Phantastisch! Freuen Sie sich. Der macht wunderschöne Kinder."

------------------
Ein Urologe:

Brain, muscles and penis: Use it or loose it.
------------------

Mein Freund G.B., Manager:

Ein Scheck ist,
wenn man Geld hat,
ein Wechsel ist,
wenn man kein Geld hat.
------------------

Bücher vom Krieg, deren Lektüre ich für gut halte:
  • Ernst Jünger In Stahlgwittern
  • Antti Turi Talvisota (deutsch: Winterkrieg)
  • Paul Parin Es ist Krieg und wir gehen hin.
------------------


Von dem kann man lernen:
"McCain sagte, er werde keinen Augenblick damit verschwenden, dem nachzutrauern, was hätte sein können. Er bezeugte dies, indem er Obama «meinen Präsidenten» nannte."
NZZ online vom 5. November 2008 abends


------------------


Paul Parin ist gestorben. Seine Erzählungen Die Leidenschaft des Jägers hatte ich letztes Jahr gelesen. Mir wichtig, aber kein Buch zum Verschenken; schon garnicht an Jäger.

Ludger Lütkehaus hat einen Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung (Nr. 115) geschrieben.



Über dieses Archiv

Diese Seite enthält aktuelle Einträge der Kategorie Psyche.

Pädagogik ist die vorherige Kategorie.

Schnipsel ist die nächste Kategorie.

Aktuelle Einträge finden Sie auf der Startseite, alle Einträge in den Archiven.