Grundner-Culeman: März 2009 Archive

Mir fällt auf, daß die heute als verstärkend benutzten Worte toll und sehr ursprünglich eine Bedeutung hatten, die zum Pathologischen gehört:



  • sehr kommt von mittelhochdeutsch sêr, althochdeutsch sero und stand damals für wund, schmerzlich, peinvoll. So wird es heute noch im englischen sero gebraucht.
  • toll bedeutete des oder wie des Verstandes beraubt.
Im „Misthaufen Internet" (Joseph Weizenbaum) finden sich immer wieder Edelsteine. Zum Beispiel:


Was allerdings der Bachmann-Verlag zusammengetragen hat an

ist ein veritabler Preziosenmarkt, um im Bild zu bleiben. Und umwerfend ist, wie die Leute von leo das Deutsch-Chinesiche Wörterbuch geschrieben haben. Zum Beispiel das Wort


samt Aussprache und Pinselführung zum Schriftzeichen. Ethymologie der Englischen Sprache schenkt einem

  
Biologie: Es gibt


Und ich finde, was ich gedruckt auch in der Bibliothek stehen habe:

Geodäsie:

Es gibt zwei Arten der Disziplin - die eine, die von außen nach innen wie eine Beize wirkt und den Menschen härtet, und eine andere, die vom Kerne wie ein Licht nach außen strahlt und ihn, ohne ihn der Milde zu berauben, doch furchtlos macht. Zur ersten brauchen wir immer Meister, während die andere oft wie ein Samenkorn in uns erwächst.
Ernst Jünger am 10. Januar 1940, in:
 Strahlungen I, Gärten und Straßen
Peer Steinbrück bei einem Interview, das er der Schülerzeitung SBZ, Selm, am 8. Dezember 2004 gab:

SBZ:

"Wenn Sie mal nicht gefragt würden, sondern selbst die Fragen stellen dürften: Wen hätten Sie gerne einmal vor dem Mikrofon?"

Steinbrück: (überlegt)

"Mir fallen als erstes zwei Menschen ein, die schon gestorben sind. Der eine ist Walther Rathenau, der Außenminister der Weimarer Republik aus den zwanziger Jahren, und das andere ist Sebastian Haffner."

Des einen Schriften und Reden stehen auf meinem Schreibtisch, und auf meinem Nachttisch liegt des anderen Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933.


Cf. die Elegie Ulrich Schmids in der NZZ 222/2009 vom 25. September 2009, Seite 2
Man hält sich offenbar weitherum für schlauer als Charles-Luis de Secondat, baron de La Brède et de Montesquieu, für geschickter als diejenigen, die den Wert dessen Lehre von der konsequenten Trennung der Gewalten für eine freiheitliche Verfassung erkannten, und für moderner als der Straßburger Professor für Verwaltungsrecht Otto Mayer, der in seinem Buch Deutsches Verwaltungsrecht im Jahre 1895 schrieb:


§ 9.
Der Verwaltungsakt.

Im Gegensatz zur vorausgehenden Entwicklungsstufe hat unser Rechtsstaat nicht blos die flutende Masse der Verwaltungstätigkeit eingedämmt durch das Gesetz, sondern er läßt auch noch mitten drin fort und fort feste Punkte auftauchen, welche dem Einzelnen Halt gewähren und ihn darüber sicherstellen, wohin es geht. Die Rechtseinrichtung, die das bewirkt, ist der Verwaltungsakt, ein der Verwaltung zugehöriger Ausspruch, der dem Untertanen im Einzelfall bestimmt, was für ihn rechtens sein soll.

Sein Vorbild ist das gerichtliche Urteil.

Ich meine: Der Verwaltungsakt ist eine ungemein moderne und unserer Verwaltung nach dem Gedanken unserer Verfassung unverzichtbare Erfindung, das Instrument, dessen sich die Verwaltung - zumindest im Bereich der Sicherheit und Ordnung - zu bedienen hat, nämlich immer dann, wenn die Rechte Einzelner im Interesse des Staates zurückstehen sollen.

Ich halte es daher nicht für richtig,

  • daß vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versucht wird, einzelne Internetprovider unter Druck zu setzen, zu Bekämpfung bestimmter unerwünschter Inhalte des Internets Verträge mit der Bundesrepublik zu schließen;
  • durch Anbieten eines staatlichen Zertifikats über ein Datenschutzaudit Druck auf datenverarbeitende Unternehmen auszuüben, sich einem solchen zu unterziehen;
  • daß das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen mit Schreiben vom 29. Juli 2008, Aktenzeichen VI 4/7360/293/07/HOAMS VI 4/10/2008, Kindertageseinrichtungen und Tagespflegepersonen durch Drohen mit dem Entzug der für diese existenznotwendigen finanziellen Förderung zwingt, von den Eltern bei der Aufnahme von Kindern ("Abschluß des Betreuungsvertrages") einen Nachweis über die letzte fällige Früherkennungsuntersuchung zu verlangen. Hier wird in das empfindliche und für das Kind wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Hort schon zu Beginn ein erheblicher Druck gebracht, in einer Sache, die den Hort nichts angeht, die vielmehr rein in die Zuständigkeit eines Gesundheitsamts fällt. Wie sollen die Eltern sich dagegen wehren können, wenn sie wollten? Wenn sie das Kind nicht im Hort anmelden können, kann die Mutter womöglich nicht einem Beruf nachgehen. Kein Widerspruch ist möglich, denn es ist ja kein Verwaltungsakt. Der Hort muß für das Verlangen auch nicht zuständig sein, denn es ist kein Verwaltungsakt. Der Hort braucht auch keine öffentliche Einrichtung zu sein, denn es ist kein Verwaltungsakt. Eine gesetzliche Befugnis für das Verlangen braucht nicht dazusein und kann auch garnicht geprüft werden, denn es ist kein Verwaltungsakt.
Die Verwaltung bewegt sich hier wieder zurück in eine Entwicklungsstufe vor Otto Mayer und vor Montesquieu. Vor Aristoteles sogar, denn der hatte die Lehre von der Dreiteilung der Gewalten in Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz erfunden. Deren saubere organisatorische Trennung zu fordern, war Montesquieu der Erste.

Man hält sich für moderner als Otto Mayer. Der schrieb ja noch von "Untertan", also gehört sein Buch nicht mehr in die Teppichetagen der Ministerien, sondern in die Rechtsgeschichte. Und bei der Gelegenheit nimmt man den heute sogenannten "Bürgerinnen und Bürgern"

die festen Punkte, welche dem Einzelnen Halt gewähren und ihn darüber sicherstellen, wohin es geht.
Der in Hannover erscheinenden Neuen Presse sagte die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am Samstag laut spiegel.de (14.3.), es werde derzeit mit acht großen Internet-Zugangsanbietern verhandelt. Einzelne Verträge seien bereits unterschriftsreif. Ein sogenannter Web-Filter soll von den Internet-Providern (wahrscheinlich auf eigene Kosten) betrieben und mit Listen vom Bundeskriminalamtes "gefüttert" werden.

Mit acht Zugangsanbietern? Und die anderen sollen zuschauen? Wissen noch nicht einmal, was die Bundesrepublik mit der Konkurrenz verhandelt? Sollen sie dann vor vollendete Tatsachen gestellt werden? Sollen jetzt darauf warten, später ein ebensolches "Angebot" von der Bundesrepublik zu bekommen, das sie nicht mehr ablehnen können? Wie sollen die sich denn vorkommen?

Hier sind wir nicht mehr nur in der Sphäre des Respekts, des Anstands, des Stils oder der Zweckmäßigkeit, hier sind wir im Bereich des guten alten Grundgesetzes (Art. 3, 14, 20 Absatz 3 und natürlich 5 GG).
Ich habe den Verdacht, es fällt weiter leise der Schnee.

Ich spiele auf folgende Zeilen Ernst Jüngers an im Tagebuch vom 23. Mai 1945:

[Es] wird ... der Umfang deutlich, in dem das Böse in unsere Institutionen eingedrungen ist: der Fortschritt der Abstraktion. Hinter dem nächstbesten Schalter kann unser Henker auftauchen. Heut stellt er uns einen eingeschriebenen Brief und morgen das Todesurteil zu. Heut locht er uns die Fahrkarte und morgen den Hinterkopf. Beides vollzieht er mit derselben Pedanterie, dem gleichen Pflichtgefühl. Wer das nicht bereits in den Bahnhofshallen und im Keep smiling der Verkäuferinnen sieht, geht wie ein Farbenblinder durch unsere Welt. Sie hat nicht allein fürchterliche Zonen und Perioden, sondern sie ist von Grund auf fürchterlich. ... Die verblasenen Ideen, die alltägliche Häßlichkeit solcher Figuren deuten auf ihre untergeordnete Rolle im Reich des Bösen hin. Der Gedanke, daß Millionen deshalb die Welt verlassen, weil ein Herr Himmler am Hebel der Vernichtungsmaschine zieht, gehört zu den optischen Täuschungen. Wenn einen langen Winter hindurch der Schnee fiel, genügt die Pfote eines Hasen, und die Lawine geht zu Tal.
  Ernst Jünger im Tagebuch vom 16. April 1943:

In Gesprächen über die Grausamkeit dieser Tage taucht oft die Frage auf, woher all die dämonischen Kräfte, wie die Schinder und Mörder, kommen, die doch sonst niemand sah und nicht einmal vermutete. Doch waren sie potentiell vorhanden, wie nun die Wirklichkeit erweist. Das Neuartige liegt in ihrer Sichtbarwerdung, in ihrer Freilassung, die ihnen erlaubt, den Menschen zu schädigen. Zu dieser Freilassung führte unsere gemeinsame Schuld: indem wir uns der Bindungen beraubten, entfesselten wir zugleich das Untergründige. Da dürfen wir nicht klagen, wenn das Übel uns auch als Individuen trifft.
Mir wäre wohler, wenn ich sicher wäre, diese Gedanken paßten nicht auf uns heute. Ich fürchte, dem ist - gelinde gesagt - nicht so.

  • Die Institutionen werden immer schwächer. Sie waren sogar im Mai 1945 noch professioneller besetzt als heute.
  • Fortschritt der Abstraktheit. Man sieht es an der Zunahme der abstrakten Gefährdungsdelikte, an dem Umsichgreifen der Strafbarkeit reinen Verhaltens. An der Sprache: Verantwortung wird übernommen. Wo hört man noch, daß einer solche habe.
  • Srebrenica 1995. Zu dieser Freilassung dämonischer Kräfte führte unsere gemeinsame - gewissermaßen europäische - Schuld. Ich fühle, es wird wieder so kommen, die Strukturen sehen blendend aus. Sind morsch.
Der Freistaat bringt einen Gesetzesentwurf ein zum Verbot von bestimmten Computerspielen. Dessen erster Satz zeigt, welcher Haltung dies entspringt.

Wenige Jahre nach den Bluttaten in Bad Reichenhall 1999 und in Erfurt 2002 sind die Bürgerinnen und Bürger angesichts der neuen Gewalttat in Emsdetten 2006 aufs Neue zutiefst erschüttert.

Die Bürgerinnen und Bürger sind also zutiefst erschüttert. Immer, wenn die Bürgerinnen und Bürger zutiefst erschüttert sind, besteht Anlaß, einen Gesetzentwurf einzubringen? Welche Bürgerinnen und Bürger sind erschüttert? Zutiefst? Wirklich alle? Ich war es nicht und bin es auch heute etwa wegen des Falles Winnenden nicht. Wenn ich immer zutiefst erschüttert wäre, wenn das Fehlen von Liebe und die Depression eines jungen Menschen Tote fordert, hätte ich viel zu tun. Seelennot fordert dauernd Tote, nur sieht man es nicht. Weil man es nicht sehen will [nebbich ein komplizierter Begriff] - oder: kann [dito].

Es ist eine Hypokrisie. In Indien sind seit 1947 sechzig Millionen weniger Mädchen auf die Welt gekommen als nach Statistik hätten geboren werden müssen. Wen interessiert das? Zu China habe ich mich schon geäußert: Die Gefangenen dort in den Verliesen rührt in Deutschland - im Sinne der oben zitierten Präambel - keine Bürgerin und keinen Bürger, wenn es ums Geld geht.

Ich empfinde auch einen stoßenden Gegensatz zwischen dieser nach außen hingestellten apostophierten Gutmenschentugendhaftigkeit zu einem anderen in meinen Augen beachtlichen Mangel an Ritterlichkeit und Stil, der diesmal aber im Gegensatz zu Shooting- und Ballerspielen nicht das virtuelle, sondern das reale harte Leben betrifft: Es werden bei uns in der Bundeswehr weibliche Soldaten ausgebildet und an die Front geschickt. Was letzteres heißt: wirklicher Kampf Mann gegen Mann, Auge in Auge wie in den virtuellen düsteren Gängen, gepixelten brennenden Raumschiffbasen und phantasierten feuchten felsigen Wäldern. Eine Frau: Sie kann immer schwanger sein. Man mutet dem Gegner also zu, möglicherweise auf eine schwangere Frau zu schießen, Mann gegen Schwangere also. In welcher Welt leben wir eigentlich? Wer denn soll uns unsere humane Attitüde abnehmen?
Mein lieber Bruder Ärgerlich
hat hat alles, was er will,
was er will, das hat er nicht,
was er hat, das will er nicht.
Mein lieber Bruder Ärgerlich
hat alles, was er will.
Kinderreim

Hier wird der Begriff wollen quasi aufgelöst.

Dabei kann man an Petrus, Röm. 7,19, denken:

„Das Böse, das ich nicht will, das tue ich."

Oder an Petrarca 1 Canz 17,8,10:

"E veggio 'l meglio ed al peggior m' appiglio."
(Und ich sehe das Bessere und ergreife das Schlechtere.)
 Aus:Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi
von Samuel Singer, Werner Ziltener, Christian Hostettler, Kuratorium
"Zudem läßt sich feststellen, daß in unserer Zeit verstärkt das Recht des Stärkeren gilt."

Oswald Grübel in einem Interview
 Finanz und Wirtschaft Nr. 16/09
 vom 28. Februar, Seite 13 (15)

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