Datenschutz: September 2009 Archive

Mein Beitrag Straßenansicht verträgt eine Begründung, wie mir mein Freund svb gestern sagte. Hier sei sie versucht:

Ich verweise auf das Zitat Ernst Jüngers vom 13. August 1942, Strahlungen I, München 1988 in meinen Artikel Marketing, Werbung und Medien.

Dabei komme ich auf einen weiteren Gedanken: Ich nehme an, daß die informationstechnisch eingeführte Sklaverei zu einer Vertiefung der Kluft führen wird zwischen denen, die sich unterwerfen und denen, die frei bleiben werden. Die Bildungschancen werden gigantisch ungleich verteilt sein, und zwar nicht nur global gesehen wie heute, sondern auch innerhalb der Wohlstandsgesellschaft. Ernst Jünger schreibt am 13. August 1942 weiter:

"Die Freien dagegen kennen sich und werden an einem neuen Glanz erkannt, der sie umwebt. Es handelt sich vielleicht um ganz kleine Gremien, die Freiheit hegen, wahrscheinlich unter Opfern, doch wird der geistige Gewinn das vielfach aufwiegen."
Das klingt manchen sicher gewöhnungsbedürftig, deutet aber an, was ich meine: Wie sehr verschieden und womöglich den anderen überlegen werden die sein, die die Informationsmanipulationswelt nicht an sich herankommen lassen werden! Diesen Gedanken finden wir ja ebenso bei E. M. Forster (cf. The Mashine stops), Huxley und Orwell.

Ich verweise hier weiterhin auf Christoph Türcke, Philosophie des Traums, München 2008, insbesondere auf das letzte Kapitel dort. Ich zitiere von Seite 246:

"Nur kraft abstrakter Vorstellung konnte eine technische Einbildungskraft ausgeheckt werden, die diesen Vorstellungen nun ihre eigene Blässe vorführt und ihnen durch eine Flut satter, praller, zudringlicher Bilder ständig die Frage stellt: Wer seid ihr schon, ihr Bläßlinge? Wollt ihr euch nicht ergeben?"
Die Menschheit hat, so meint Türcke, nur durch die Abstraktion von der Wirklichkeit, durch das sich selbst ein Bild machen können, überhaupt Menschheit - nämlich kulturbegabt - werden können. Was jetzt geschieht, wo die Bilder Schlag auf Schlag von einem Besitz ergreifen, ist ein Angriff auf diese unsere Basis.

Bis hier ist meine Begründung grundsätzlich und ließe sich auch gegen andere Anwendungen der Informationstechnik vorbringen. Spezifischere Gesichtspunkte sind folgende:
 
Wer sich mit den Fragen, die Street View aufwirft, beschäftigt, könnte auch an das meiner Ansicht nach wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts denken, das am 18. und 19. Oktober 1983 zur Volkszählung ergangen ist (Aktenzeichen 1 BvR 209, 269, 362, 420, 440, 484/83). Was ich so großartig daran finde ist, daß es letztlich auf die seelische Befindlichkeit der Menschen abstellt und diese als das Entscheidende heranzieht:

"Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, daß etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer Bürgerinitiative behördlich registriert wird und daß ihm dadurch Risiken entstehen können, wird möglicherweise auf eine Ausübung seiner entsprechenden Grundrechte (Art. 8, 9 GG) verzichten. Dies würde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungsfähigkeit und Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist."
Mit dem Gefühl der Einzelnen, hier nicht aus dem Blickwinkel Bürger - Staat, sondern Bürger - Mitbürger betrachtet, spielen diejenigen Schindluder, die ohne Rücksicht auf deren Einverständnis, auf deren vermutliches Einverständnis, auf deren Befindlichkeit und deren Würde massenhaft die Menschen aufnehmen und aller Welt vorführen, deren Häuser, Kinder, Blumen im Fenster, Slips auf dem Balkon, Müll auf der Straße, deren Autos und Motorroller mit oder ohne Freundin, Frau, Kind und Kegel. Dabei wird der Ort der Aufnahmen genau angegeben, sodaß jemand, der etwa seiner Tante in Australien eine Postkarte schreibt, dies in Zukunft mit der Gewißheit tut, daß diese sich das Bild von der Gegend, wo der Absender wohnt, mit dem macht, was diese Herren von Santa Clara meinten, etwa an genau dem 23. Juli 2009 um 12 Uhr 24 Minuten von der Nr. 10 Via Luigi C. in N. aufnehmen und ungefragt ins Netz stellen zu wollen.

Diverse Argumente werden dagegen vorgetragen:
  1. Es sei doch ein phantasticher Gedanke, daß man die ganze Welt im Netz abbilde! Wieviel reicher werde die Menscheit damit! Ich sage: Das mag ja sein, aber die Freiheit der einen hört da auf, wo die Würde und Freiheit der anderen anfängt. Das herausgerufene "Wir! Unser aller Tennisball von Erde! Schaut ihn an!" hat sein Fundament in dem "Ich!" des Einzelnen, wie es das Bundesverfassungsgericht herausgearbeitet hat. Warum ruft man nicht alle auf, selbst ein Bild von Zuhause an den Stadtplan anzubringen, wenn man etwas großartiges Gemeinsames schaffen will? Welche Art Gier steckt hinter der skrupellosen Eile der Leute? Fakten schaffen, wahrscheinlich. Gelinde gesagt kommt das mir übergriffig vor.
  2. Hausnummern würden ja verpixelt und seien damit auf den Bildern nicht mehr lesbar. Ich aber sage: Das stimmt nicht, ich habe viele Hausnummern lesbar gefunden.Es reicht außerdem doch schon zu sehen, in welcher Gegend einer wohnt. Zudem wird die Ortsangabe mit "Ungef'ähr Hausnummer 10" eingeblendet.
  3. Gesichter würden verpixelt. Ich aber sage: Was für eine Grobheit, seinen Mitmenschen das Gesicht zu verunstalten und sie so allen vorzuführen! Erkennen tut man sie sowieso, der Mensch ist gerade in dieser Leistung einmalig.
  4. Autokennzeichen würden verpixelt. Ich aber sage: Das stimmt nicht, ich habe Kennzeichen schon lesen können. Außerdem sind die Fahrzeuge auch so zu erkennen.
  5. Es stünde doch jedermann frei, jedes Bild ins Netz zu stellen. Ich sage: Ja, aber auch da sollte man schon äußerste Vorsicht walten lassen. Und: Der Unterschied zwischen Straßenbildern aus dem Urlaub und dem, was diese Leute aus Santa Clara tun, besteht darin, daß es erheblichen Aufwand bedeutet, aus einem Urlaubsphoto eine Adresse oder gar eine Person herauszufiltern, wogegen gerade kommerzieller Sinn der anderen Aufnahmen ist, sie zuordnen zu können. Die innere Einstellung zum Objekt ist das, was das eine akzeptabel, das andere perfid macht.
Und dieser letzte Satz sei hier der Schlußsatz.
 

Um die Produkte der in Mountain View, Santa Clara County, Kalifornien, ansässigen bekannten Informationsverarbeitungsgesellschaft werde ich in Zukunft lieber einen sehr großen Bogen machen. Was die Leute dieser Firma unter dem Titel Street View unternehmen - mehr noch: wie sie es machen, offenbart eine zynische Mentalität, die mir alles, was sie sonst noch tun, in anderem Licht erscheinen läßt.

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