Neues in der Kategorie China

Es mag ja sein, daß die Volksrepublik China wirtschaftlich erfolgreich ist mit ihrem Ein-Parteien-System. Daß sie an der Spitze steht, was den elektronischen Zahlungsverkehr, die gemeinschaftliche Nutzung von Rädern und Kraftfahrzeugen angeht und die Anzahl von sogenannten Einhörnern (Start-Ups, die 1-Mrd-USD wert geworden sind). Und James Kynge (FT 28/29. Oktober, p. 11) meint, die Dynamik von Alibaba zeige das Potential, das Big Data auf einem freien Markt haben könnte, und man könne daraus vielleicht etwas lernen.

Das sehe ich anders. In einer Sackgasse entwickelt sich in China ein großes wirtschaftliches Ding. Aber: Ein Hauch, und es macht "Plopp!", und es ist vorbei. Eine Art Soufflé, das nur solange nicht zusammenfällt, wie es im Ofen schön warmgehalten wird. Soetwas bringt nichts an Erkenntnis für politische und wirtschaftliche Gesellschaften, die sich ständig intellektuellem und wirtrschaftlichem Wind aussetzen.


Charlene Chu mag ja die skeptic-in-chief about risks lurking inside China's lending system" sein. Was sie aber zur Diskussion stellt, läßt einen frieren:

Derzeit machten schlechte Kredite in China umgerechnet 7,6 Billionen USD aus. Das entspricht einer Nicht-Performing-Rate der Kredite von  etwa 34% und ist markant höher als die offiziell verkündeten 5,3%.

Der Einwand, Verluste durch schlechte Kredite seien in hohem Maße abhängig von von den wirtschafltichen Verhältnissen insgesamt, und realisierten sich nicht, solange es allen gut gehe, verschlimmert die Sache noch. Denn die Oligarchen in Peking verordnen ggf. den Banken, schlechte Kredite aus den Büchern in Zombie-Gesellschaften zu verlagern. Was in einer freien Wirtschaft rasch zu einer Korrektur führte, wird so perpetuiert. Der Trend gehe dahin, daß die Probleme so groß werden könnten, wie man es nicht für möglich hielte, meint Chu.


Bezug: Gabriel WildauFT v. 18. August, p.2

Nordkorea hat eine Rakete in die Gewässer vor Japan geschossen. Es war ein balistisches Interkontinentalgeschoß, das auch Alaska erreicht hätte. Am 4. Juli.

Ich habe nur eine Erklärung für solch eine Provakation: Kim Jong-un sitzt bei weitem nicht so fest im Sattel wie man annimmt.

Vielleicht will er Druck auf China ausüben, ihm mehr beizustehen, also Geld zu geben, also Kohle abzukaufen und anderes, womit Nordkorea gesegnet ist. China ist auf ihn angewiesen.

Denn China wird es nie und nimmer hinnehmen wollen, daß Nord- und Südkorea sich à la Deutschland wieder vereinen.

Das nutzt aber nichts. Es wird kommen. Es wird also eine ungemein streitbare Demokratie - die Südkoreaner gehen immer wieder auch wegen Kleinigkeiten zu Massen auf die Straße - vor der Haustür Chinas liegen. 

So wie schon Hongkong. Von wegen ein Land - zwei Systeme". Es wird auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China bald mehr Länder geben mit einem System, nämlich demokratischen. Die 4000-jährige Geschichte Chinas sich abwechselnder Dynastien wird ein Ende finden, die Alphatiere werden ihre Macht abgeben und aufhören müssen, ihre Landsleute nach Gutdünken zu drangsalieren, ins Gefängnis zu stecken oder zu köpfen.

Die Chinesen können Demokratie, siehe Hongkong, siehe Taiwan. Es ist Unsinn zu meinen, ein Riesenland könne nicht freiheitlich, rechtsstaatlich regiert und verwaltet werden bis ins letzte Dorf.

Und die Chinesen wollen Demokratie. Die sich Anfang November versammelnden und sich gegenseitig ins Amt setzenden Despoten der KPCh machen sich etwas vor, wenn sie meinen, die Partei könne mit riesigen Geldmengen und Assets hantieren wie Kinder, und etwa Börse" spielen und Wohlstand für alle". Ohne ernsthafte Strukuren geht das unweigerlich schief, und die gibt es nicht, solange es keinen freien Informations-, Geld- und  Warenaustausch gibt, und Checks and Balances.

Die Spratly-Inseln wie eine Spielzeug-Piratenburg mit Kanonen, Bombern und, was es sonst so gibt, aufzurüsten, und dann zu meinen, der Welt würde das imponieren, ist ebenso eine Illusion. Der Zweck ist wahrscheinlich einer: Die Funktionäre wollen bei ihren aufmüpfigen Untertanen den Nationalismus zum Schwingen bringen und ihnen zeigen, daß sie wer sind. Indem sie die ganze Gegend - Philippinen, Vietnam, Taiwan, Japan - verrückt machen, versuchen sie, die Lufhoheit über die Aufmacher der Zeitungen und Webseiten zu bekommen. 

Eitle Übungen: In dem Moment, wo es in China wirtschaftlich kracht, wo die einfachen Bürger ihren auf Kosten ihrer Familienstrukturen und unter anderen großen Opfern erkämpten Wohlstand angegriffen sehen - und das könnte bald sein -, ist nichts mehr zu machen: Die Regierenden werden zum Teufel gejagt werden. Das zeigt die ewige Geschichte dieses großartigen Kulturraums, mit dessen Völkern wir Europäer zu aller Nutzen Weltgeschichte schreiben werden.


Literatur: zu „die Südkoreaner gehen ..." Bryan Harris South Koreans' love of protests has dark roots, FT July 5, 2017, p8

Mit dieser Überschrift schreibt Martin Woker in der NZZ vom 25. Februar einiges, was mir neu ist und meine Ansicht zu den Vorgängen im Orient verändert.

In Syrien kämpfen Bürger unter Einsatz ihres Lebens für ihre Freiheit. Ein Blick von oben auf das Chessboard zeigt aber offenbar, daß es wie bei den anderen Umwälzungen von Tunis, Kairo bis Sanaa um eine Ausweitung einer arabisch-sunnitischen Hegemonie im Orient geht, wie es Woker nennt. «In den 13 Monaten seit Ausbruch der arabischen Revolte haben Saudiarabien und andere Golfländer ihren Einfluss in der Region markant verstärkt,» schreibt er.

Hochinteressant finde ich, daß er meint, der Iran und Israel stünden auf einer Seite gegenüber einer «Phalanx» einer arabisch-sunnitischen Welt, die im Zuge des «arabischen Frühlings» zusammengerückt sei wie seit Zeiten der Gründung Israels vor 64 Jahren nicht mehr.

Ich habe hier schon mehrfach die Frage aufgeworfen, wie unsere Haltung zu autoritären Regimen zu werten ist, etwa zu Peking. Geht es um unseren Geldbeutel, vergessen wir leicht die Fundamente unseres Zusammenlebens im Westen, nämlich den Willen zu Einigkeit und Recht und Freiheit. Treibende Kraft für die hier angesprochenen Entwicklungen im Orient ist eine der autoritärsten Staatsführungen im Orient: die konservative saudische Monarchie. Von dort bekommen wir unser Öl - zu welchem Preis?
"China is very open," sagte Yu Yondding beim World Economic Forum am 29. Januar 2011 (siehe Lifestream "The Global Economic Outlook", 1:16:00).

Es handelt sich um eine Metapher, die dadurch, daß sie verunglückt,  einen interessanten Einblick in das Denken ihres Verwenders gewährt: Eine Tür kann offen sein oder geschlossen. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" heißt es im Weihnachtslied (vgl. Psalm 24, 7). Wie kann eine Tür sehr offen sein? Ich meine: entweder ist sie offen oder geschlossen. Man kann auch von halb geöffnet oder weit offen sprechen, aber eben nicht von sehr offen.

Alle Beteuerungen ("People can say [oder see?] whatever they want.") nützen nichts, die Relativierung des Wortes open bleibt und ist damit ein Geständnis, daß China eben nicht offen ist.

Insofern ist das Wort offen in einer Gruppe mit geschlossen, konkret, schwanger, usw.
"Mir geht's schlecht."
"Wer sagt, daß es Ihnen gut gehen muß?"


"Mut ist ein Mangel an Phantasie."


" 's ist nicht das Schlimmste,
Solang' man sagen kann: »Dies ist das Schlimmste.«"
Shakespeare, König Lear, nach einer Übersetzung von

v. Baudissin; dieser Satz war ein Mot von Horst Siebert




  


Bild: www.wikipedia.de


Aus I Ging, übersetzt von Richard Wilhelm:

29. Kan: Das Abgründige, das Wasser

oben Kan, das Abgründige, das Wasser

unten Kan, das Abgründige, das Wasser

Das Zeichen besteht aus der Wiederholung des Zeichens Kan. Es ist eines der acht Doppelzeichen. Das Zeichen Kan bedeutet das Hineinstürzen. Ein Yangstrich ist zwischen zwei Yinstriche hineingestürzt und wird von ihnen eingeschlossen wie das Wasser in einer Talschlucht.

[...]

Das wiederholte Abgründige.

Wenn du wahrhaftig bist, so hast du im Herzen Gelingen, und was du tust, hat Erfolg.

Durch die Wiederholung der Gefahr gewöhnt man sich daran. Das Wasser gibt das Beispiel für das rechte Verhalten in solchen Zuständen. Es fließt immer weiter und füllt alle Stellen, durch die es fließt, eben nur aus, es scheut vor keiner gefährlichen Stelle, vor keinem Sturz zurück und verliert durch nichts seine wesentliche eigne Art. Es bleibt sich in allen Verhältnissen selber treu. So bewirkt die Wahrhaftigkeit in schwierigen Verhältnissen, daß man innerlich im Herzen die Lage durchdringt. Und wenn man einer Situation erst innerlich Herr geworden ist, so wird es ganz von selbst gelingen, daß die äußeren Handlungen von Erfolg begleitet sind. Es handelt sich in der Gefahr um Gründlichkeit, die alles, was zu tun ist, auch wirklich erledigt, und um Vorwärtsschreiten, damit man nicht in der Gefahr verweilend darin umkommt.


Das erinnert mich an das Zauberspiel Allem Kallem (z.B. in: An den Nachtfeuern der Karawan-Serail von Elsa Sophia von Kamphoefener). Es kann eine Anregung sein, wie man das Allem Kallem richtig spielt.

Der Freistaat bringt einen Gesetzesentwurf ein zum Verbot von bestimmten Computerspielen. Dessen erster Satz zeigt, welcher Haltung dies entspringt.

Wenige Jahre nach den Bluttaten in Bad Reichenhall 1999 und in Erfurt 2002 sind die Bürgerinnen und Bürger angesichts der neuen Gewalttat in Emsdetten 2006 aufs Neue zutiefst erschüttert.

Die Bürgerinnen und Bürger sind also zutiefst erschüttert. Immer, wenn die Bürgerinnen und Bürger zutiefst erschüttert sind, besteht Anlaß, einen Gesetzentwurf einzubringen? Welche Bürgerinnen und Bürger sind erschüttert? Zutiefst? Wirklich alle? Ich war es nicht und bin es auch heute etwa wegen des Falles Winnenden nicht. Wenn ich immer zutiefst erschüttert wäre, wenn das Fehlen von Liebe und die Depression eines jungen Menschen Tote fordert, hätte ich viel zu tun. Seelennot fordert dauernd Tote, nur sieht man es nicht. Weil man es nicht sehen will [nebbich ein komplizierter Begriff] - oder: kann [dito].

Es ist eine Hypokrisie. In Indien sind seit 1947 sechzig Millionen weniger Mädchen auf die Welt gekommen als nach Statistik hätten geboren werden müssen. Wen interessiert das? Zu China habe ich mich schon geäußert: Die Gefangenen dort in den Verliesen rührt in Deutschland - im Sinne der oben zitierten Präambel - keine Bürgerin und keinen Bürger, wenn es ums Geld geht.

Ich empfinde auch einen stoßenden Gegensatz zwischen dieser nach außen hingestellten apostophierten Gutmenschentugendhaftigkeit zu einem anderen in meinen Augen beachtlichen Mangel an Ritterlichkeit und Stil, der diesmal aber im Gegensatz zu Shooting- und Ballerspielen nicht das virtuelle, sondern das reale harte Leben betrifft: Es werden bei uns in der Bundeswehr weibliche Soldaten ausgebildet und an die Front geschickt. Was letzteres heißt: wirklicher Kampf Mann gegen Mann, Auge in Auge wie in den virtuellen düsteren Gängen, gepixelten brennenden Raumschiffbasen und phantasierten feuchten felsigen Wäldern. Eine Frau: Sie kann immer schwanger sein. Man mutet dem Gegner also zu, möglicherweise auf eine schwangere Frau zu schießen, Mann gegen Schwangere also. In welcher Welt leben wir eigentlich? Wer denn soll uns unsere humane Attitüde abnehmen?
Ministerpräsident Wen Jiabao sagte am 18.3.: "[...] Wir werden den Grundsatz der Olympischen Spiele befolgen und die Spiele nicht politisieren." (german.china.org.cn)
  • Ein Versuch Jiabaos, der an den der Russen mit der friedlichen Lösung erinnert: Man kann nicht etwas nicht politisieren. Entweder ist etwas politisch oder nicht.
  • Das Hervorzaubern eines "Grundsatzes der Olympischen Spiele" aus dem Nichts: Die Spiele sind eminent politisch und auch so gemeint, haben sich nichts weniger als die harmonische Entwicklung der Menschheit, eine friedliche Gesellschaft und die Bewahrung der Würde des Menschen auf die Fahne geschrieben (siehe Ziffer 2 der Fundamental Principles of Olympism der Olympischen Charter vom 7. Juli 2007).
Es überrascht nicht, daß ein Wen Jiabao so mit der Sprache umgeht. Den Laien erstaunt aber, wie dieser Art Zeremonie bei Hofe in Peking genügt wird:

"Seitens der Deutschen Handelskammer betonte am Dienstag deren wirtschaftspolitischer Sprecher und Chef von Siemens in China, Richard Hausmann, dass die deutsche Wirtschaft zu ihrem Engagement in China stehe und sich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking wende. Man anerkenne den Primat der Politik, sei aber besorgt über das sich auf beiden Seiten zunehmend manifestierende Missverständnis und die verbreitete Unkenntnis, welche derzeit in China chauvinistische Reflexe hochleben lasse. Andererseits sollte der Westen nicht vergessen, dass in China die Richtung der Öffnungspolitik und sogar der Demokratiereformen stimme, diskutabel sei nur deren Geschwindigkeit. Erfahrungen aus der Wirtschaft zeigten, dass Chinesen gute strategische Verhandler seien. Es brauche deshalb klare Verhandlungspositionen, zu denen man konsequent stehen sollte. Es gelte allerdings auch, dass man mit Chinesen weiterkomme, wenn man hart in der Sache, aber im Ton leiser diskutiere und verhandle. Dann finde sich fast immer eine Lösung, mit der beide Seiten leben könnten. Ein allzu lauter Diskurs führe hingegen nur zu unnötigen Verhärtungen, mahnte Hausmann." (aus: NZZ Nr. 94/2008 vom 23. April, p. 5; zur Quelle siehe unten)

Eric Gujer schreibt es in Nr. 101/2008, p. 5 der NZZ nüchterner, als ich es je könnte:

... bleibt China wie kein anderes Land das Feld, auf das die klassische westdeutsche Aussenpolitik vor 1989 Anwendung findet: Handelsinteressen geniessen absoluten Vorrang vor sonstigen Überlegungen.






n.b. zum Zitat: Ich bekam auf Anfrage folgende am 28. April 2008 um 10:26:03 AM Pekinger Zeit abgesandte Mail:

Sehr geehrter Herr Grundner-Culemann,

vielen Dank für Ihre Email und die damit verbundene Anfrage. Der Artikel in der NZZ basiert auf einem Pressegespräch, zu dem die Deutsche Handelskammer in China in der vergangenen Woche die hiesigen deutschsprachigen Pressevertreter eingeladen hat. Dem Gespräch liegt kein schriftliches Papier zu Grunde.

Mit freundlichen Grüßen

Katrin Loch
Executive Chamber Manager
German Chamber of Commerce, Beijing
... die Staatsmacht war sicherlich auch bewaffnet. Und doch war sie geräuschlos verdampft.
Reinhard Knisch, in : Herbst '89, Die Wende in Rostock, Rostock 1999, p. 64




Ich schreibe mit einer alten mechanischen Schreibmaschine, weil mir die skulpturale Art gefällt, mit der die Buchstaben auf die Seite gehämmert werden.
Don DeLillo



Ruhig bleiben,
Tee trinken,
nicht aufregen.
Rupp László




Anteil der Chinesen an der Weltwirtschaftsleistung:
  • Im Jahre 1820: ein Drittel
  • Heute: ein Sechstel
nach pfi, NZZ 90,2008, p. 10; Angus Maddison, OECD, Paris 2007
"Wenn der Stichtag fällt, ist der Embryonenschutz nicht zu halten: Eine Revolution der Biopolitik steht an ..." (FAZ Nr. 82/08, p. 15)

Wozu sich über den Embryonenschutz aufregen, wenn in Deutschland jährlich mehr als Hunderttausend abgetrieben werden?  Wer redet über die Massenabtreibung mit der Spirale?

Ganz zu schweigen von Rotchina, mit dem wir für unser materielles Wohlergehen munter Handel treiben, obwohl dort menschenverachtend mit werdendem Leben umgegangen wird.

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