Donald John Trump und Harry G. Frankfurt: "On Bullshit"

Maximilian Steinbeis schreibt heute im Newsletter zum Verfassungsblog das Folgende, und das ist meiner Ansicht nach seit langem das Beste, was man zu dem Thema lesen konnte:

[Zitat Anfang]

Abgang eines Jahrhundert-Bullshitters

Über Trump, über "On Bullshit" und über Bullshit.

Auf der Suche nach Erklärungen für das Phänomen Donald Trump glaubten in den vergangenen vier Jahren viele in Harry G. Frankfurts 1986 erschienener Essay "On Bullshit" fündig zu werden. Die zentrale Pointe dieses Textes ist die Unterscheidung zwischen Lügner und Bullshitter: Während ein Lügner sich zur Wahrheit, an deren Stelle er seine Lüge setzt, wenigstens überhaupt noch irgendwie verhalten muss, tut der Bullshitter nichts dergleichen. Bullshit muss noch nicht mal notwendig unwahr sein. Die Wahrheit kommt in ihm sozusagen überhaupt nicht vor, nicht einmal ex negativo. Deshalb heißt es ja Bullshit: "Just as hot air is speech that has been emptied of all informative content, so excrement is matter from which everything nutritive has been removed."((Harry G. Frankfurt: On Bullshit, Princeton University Press 2005, S. 43f.)) Bullshit ist Rede, die von vornherein nicht dazu da ist, über die Beschaffenheit der Welt (fehl-)zu informieren. Die Täuschung, die ihm innewohnt, bezieht sich nicht auf Tatsachen dort draußen, sondern auf das Spiel, das der Bullshitter spielt, indem er bullshittet. Der Bullshitter täuscht nicht über die Tatsachen. Der Bullshitter täuscht über sich selbst, als Bullshitter. Er bullshittet sozusagen alle Welt dermaßen schwindlig, dass sie gar nicht mehr merkt, mit welch unfassbarem Bullshit sie da gerade überhäuft wird.

Im Oktober 2015 war ich in New York und habe dort den Verfassungstheoretiker Mattias Kumm besucht, unseren langjährigen Freund und Förderer, der das eine halbe Jahr in Berlin und das andere an der NYU lehrt. Wir gingen in ein Café in der Nähe des Washington Square, und bald kam die Rede auf Trump, der ein paar Wochen zuvor seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2016 verkündet hatte zur großen Belustigung der allermeisten. Trump, sagte Kumm, sei ein Bullshitter. Jeder in den USA wisse das. Wrestling, Miss-Wahlen, "The Apprentice", der Mann ist nichts als purer, ungefilterter Bullshit in Celebrity-Gestalt, erkennbar für jeden, dabei aber erfolgreich und deshalb attraktiv.

Wenn Trump entgegen jeder Evidenz behauptet, Barrack Obama sei in Kenia geboren, dann muss er damit nicht umbedingt überzeugen. Ein Lügner müsste überzeugen, aber nicht er. Er muss nur damit davon kommen. Er muss nur erfolgreich sein mit seinem Bullshit. Dann lieben ihn die Leute.

So hat das Trump auch die letzten vier Jahre gemacht, ohne dass es jemals irgendeine Rolle spielte, wie viel Tausende Unwahrheiten ihm die Fact-Checker von der New York Times unterwegs nachgewiesen haben. Er hat nie etwas anderes gemacht, und er tut bis heute nichts anderes, wenn er von Stimmfälschungen redet und davon, dass in Wahrheit er selbst und nicht Joe Biden die Wahl gewonnen habe, "by a lot". Nur bullshittet er diesmal gegen eine kollektiv verbindliche Entscheidung des US-amerikanischen Volkes an. We, the people hat sich in dem entsetzlich verrosteten und absurden und ungleichen, aber nichtsdestotrotz erstaunlich robusten Verfahren, in dem es diese Entscheidungen seit Menschengedenken trifft, für Joe Biden entschieden als seinen Präsidenten für die nächsten vier Jahre. Das ist nicht allein die Wahrheit, die so sein könnte oder anders und wer weiß das schon und das wollen wir doch erst mal sehen. Das ist auch und zu allererst eine Entscheidung. Da ist etwas passiert. Da hat sich etwas verändert. Da hat eine Ermächtigung stattgefunden. Trumps Bullshit-Bluff ist aufgeflogen. Biden ist ab 20. Januar Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Kein noch so fantastischer Bullshit wird daran mehr etwas ändern.

[Zitat Ende]

Bei aller Klugheit der Ausführungen des Autors: Für eine Entscheidung war das eine verdammt knappe Entscheidung. Daß sich hier etwas verändert hätte, halte ich für eine wohltuende Illusion, die nicht geschont werden darf.

Schon gar nicht ist der Bullshit-Bluff aufgeflogen, meine ich. Bullshit fliegt nicht auf. "Jeder kennt Bullshit. Jeder trägt sein Scherflein dazu bei," schreibt Harry Frankfurt (Ausgabe Suhrkamp, Seite [9]).

Joseph „Joe" Bidens und seines Kabinetts Aufgabe wird sein, die skandalösen Ursachen anzugehen, die zu diesem vierjährigen Theater geführt haben. Die Leute, die sich nicht völlig ohne Grund abgehängt, verraten und verkauft fühlen, müssen für unsere Art, uns zu regieren, gewonnen werden, und das ist eine Sisyphos-Arbeit für Generationen.

Es gibt dafür nur drei Hebel: Bildung, Bildung und Bildung.

Bezug: Steinbeis, Maximilian: Abgang eines Jahrhundert-Bullshitters, VerfBlog, 2020/11/13, https://verfassungsblog.de/abgang-eines-jahrhundert-bullshitters. Harry Frankfurt: Bullshit, Suhrkamp, 2006.

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