November 2009 Archive

Daß Franzosen und Deutsche an diesem 11. November das Ende des Ersten Weltkriegs gemeinsam in Paris begingen, kann niemandem gleichgültig sein. Es ist auch ein Verdienst der Europäischen Union. "Zwischen den Papierbergen Brüssels lernten die Erbfeinde, jenes Mißtrauen zu überwinden, das sie auf die Schlachtfelder getrieben hatte" (Eric Gujer). So hatten es die Alten im Sinn, als sie mit mit der Montan-Union und der EWG die Fundamente legten: Den von Gewalt gezeichneten Kontinent zu befrieden.

Die Europäische Union umfaßt heute 27 Staaten. Damit sie weiter handeln kann, gab sich die Gemeinschaft den Vertrag von Lissabon, der übermorgen in Kraft tritt. Errungen hat sie ihn sich, und das ist ein Grund zum Feiern.

Ich tue dies in der Gewißheit, daß es weitergehen wird. Es mag sein, daß heute ein Antrag auf Beitritt Islands nur lustlos zur Kenntnis genommen wird. Es mag weiter sein, daß einem die EU heute wie "ein auf sich selbst bezogenes Wesen mit autistischen Zügen vorkommt, das Integration sich nur als Erweiterungspolitik vorstellen kann" (Eric Gujer). Aber die EU ist mehr als die Summe ihrer Teile: Sie verkörpert eine Idee. Sie wirkt ausgleichend, friedenstiftend; anpassungsfähig ist sie und immer in Bewegung.

Ich freue mich ungemein, daß es weitergehen wird - wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können: über Rußland, die Ukraine, die Kaukasusstaaten, von der Türkei, dem Libanon, Israel, Palestina um das mare nostrum herum bis nach Marokko, ganz zu schweigen von Norwegen, Island, der Schweiz und den westbalkanischen Staaten.

Das glaubt mir niemand, ich weiß. Ich sehe aber klar die Zeichen: Die Gemeinsamkeit der abrahamitischen Bekenntnisse, die wirtschaftlichen und damit politischen Interessen in Nordafrika - man denke an das kürzlich diskutierte Sonnenenergieprojekt in der Sahara -, an die strategische Schlüsselfunktion der Türkei und an die Tatsache, daß Nationen wie in Georgien, Moldawien, die Ukraine, Rußland und Weißrußland ganz einfach nun einmal europäische sind. Ich sehe vor allem, daß die Jungen die Hürden nehmen, die die vor ihnen als unüberwindlich empfanden. Wer etwa von unseren Vätern oder Großvätern hätte sich vorstellen können, daß im November 2009 der französiche Staatspräsident und die deutsche Kanzlerin in Paris gemeinsam einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten niederlegen?

Zitate (auch "... verkörpert eine Idee"):
Eric Gujer, Der EU tut Bewegung gut,
 NZZ vom 28./29.11.2009, Nr. 277/09 
Ich hatte gedacht, meine Bemerkungen zu Corporate Compliance seien reichlich offensiv formuliert. Bis heute. Die Neue Zürcher Zeitung stellt das weit in den Schatten (Nr. 276, p. 10 Reflexe):

"Die Wirtschaftsprüfer haben sich in dieser Krise im Unterschied etwa zu den Rating-Agenturen sehr gut aus der Schusslinie halten können. Warum eigentlich?

Provokativ könnte man argumentieren, dass die Prüfer das Geschäftsmodell des Wegbedingens von Verantwortlichkeiten erfolgreich betrieben haben."
Die Bank von England war ihrer Aufgabe als Lender of last resort nachgekommen und hatte vom 1. Oktober 2008 bis zum 16. Januar 2009 Liquiditätshilfen in Höhe von bis zu 61,6 Mrd. £ an die Halifax Bank of Scotland und die Royal Bank of Scotland gewährt. Diese hatten Sicherheit geleistet, eine Gebühr entrichtet und die Kredite bis Mitte Januar 2009 zurückgezahlt.

Soweit, so gut. Allein: Offengelegt hat das die Bank of England erst jetzt, nämlich im Rahmen einer Befragung vor dem Finanzausschuß des Unterhauses. Die Öffentlichkeit, die privaten Aktionäre und die Gläubiger der beiden Institute wurden also über deren wahren Zustand getäuscht, wenn auch nur kurze Zeit - nämlich nur bis etwa den 8. Oktober, als sowieso klar wurde, wie es um sie stand. Die Neue Zürcher Zeitung schreibt dazu, die geheime Aktion erschrecke (Nr. 274/2009 vom 25. November 2009, p. 9):

Der formalen Richtigkeit des Jahresberichts der Bank of England kann nicht vorbehaltlos vertraut werden. Marktteilnehmer können über immense Liquiditätshilfen und den wahren Zustand von Banken getäuscht werden. Die Regierung kann entsprechende Risiken vor der Öffentlichkeit verbergen.
Und das, finde ich, sind doch recht bemerkenswerte Sätze.


Erkenntnis ist mit Schmerz verbunden,
mit Sich-Krümmen und Lieber-Tot-Sein-Wollen.
Und wer sich davor drückt,
bringt sich ums Leben.
Eins vergißt der Bourgeois:

Daß seine Methoden gegen ihn verwendet werden können. Corporate Governance? Gerne! Corporate Compliance? Natürlich! Die Kosten zahlt er selbst - dafür, daß er dann ohne Waffen dasteht.
agc am heutigen
... aber der Weg dorthin.

Die Überzeugung [Warren] Buffetts, [...], dass nicht Geld, sehr wohl aber der Weg dorthin glücklich macht, hat ihn vor ein paar Jahren dazu bewogen, seine Kinder und Grosskinder bis auf geringe Beträge zu enterben. Die Begründung: Er wolle sie nicht der Chance berauben, ein erfülltes Leben zu führen.
 NZZ Nr. 256/2009 vom 4.11.09, p. 29

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