Winter

Ich habe den Verdacht, es fällt weiter leise der Schnee.

Ich spiele auf folgende Zeilen Ernst Jüngers an im Tagebuch vom 23. Mai 1945:

[Es] wird ... der Umfang deutlich, in dem das Böse in unsere Institutionen eingedrungen ist: der Fortschritt der Abstraktion. Hinter dem nächstbesten Schalter kann unser Henker auftauchen. Heut stellt er uns einen eingeschriebenen Brief und morgen das Todesurteil zu. Heut locht er uns die Fahrkarte und morgen den Hinterkopf. Beides vollzieht er mit derselben Pedanterie, dem gleichen Pflichtgefühl. Wer das nicht bereits in den Bahnhofshallen und im Keep smiling der Verkäuferinnen sieht, geht wie ein Farbenblinder durch unsere Welt. Sie hat nicht allein fürchterliche Zonen und Perioden, sondern sie ist von Grund auf fürchterlich. ... Die verblasenen Ideen, die alltägliche Häßlichkeit solcher Figuren deuten auf ihre untergeordnete Rolle im Reich des Bösen hin. Der Gedanke, daß Millionen deshalb die Welt verlassen, weil ein Herr Himmler am Hebel der Vernichtungsmaschine zieht, gehört zu den optischen Täuschungen. Wenn einen langen Winter hindurch der Schnee fiel, genügt die Pfote eines Hasen, und die Lawine geht zu Tal.
  Ernst Jünger im Tagebuch vom 16. April 1943:

In Gesprächen über die Grausamkeit dieser Tage taucht oft die Frage auf, woher all die dämonischen Kräfte, wie die Schinder und Mörder, kommen, die doch sonst niemand sah und nicht einmal vermutete. Doch waren sie potentiell vorhanden, wie nun die Wirklichkeit erweist. Das Neuartige liegt in ihrer Sichtbarwerdung, in ihrer Freilassung, die ihnen erlaubt, den Menschen zu schädigen. Zu dieser Freilassung führte unsere gemeinsame Schuld: indem wir uns der Bindungen beraubten, entfesselten wir zugleich das Untergründige. Da dürfen wir nicht klagen, wenn das Übel uns auch als Individuen trifft.
Mir wäre wohler, wenn ich sicher wäre, diese Gedanken paßten nicht auf uns heute. Ich fürchte, dem ist - gelinde gesagt - nicht so.

  • Die Institutionen werden immer schwächer. Sie waren sogar im Mai 1945 noch professioneller besetzt als heute.
  • Fortschritt der Abstraktheit. Man sieht es an der Zunahme der abstrakten Gefährdungsdelikte, an dem Umsichgreifen der Strafbarkeit reinen Verhaltens. An der Sprache: Verantwortung wird übernommen. Wo hört man noch, daß einer solche habe.
  • Srebrenica 1995. Zu dieser Freilassung dämonischer Kräfte führte unsere gemeinsame - gewissermaßen europäische - Schuld. Ich fühle, es wird wieder so kommen, die Strukturen sehen blendend aus. Sind morsch.

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